Finden Sie das spannend?
Ein paar Steilvorlagen

von Thomas Wörtche

Sollte eigentlich ein Selbstläufer sein, in der POLAR GAZETTE über suspense zu schreiben. Wo doch alle Welt weiß, dass alles Mögliche „spannend wie ein Krimi“ ist – das WM-Finale (stimmt, war spannend), eine Bundestagsdebatte (na ja) oder die letzte Runde einer Quiz-Show (depende). Nur sind solche lebensweltlichen Dinger eben deswegen spannend, weil man nicht wirklich weiß, wie sie ausgehen – wenn Toni Kroos´ verunglückte Kopfballrückgabe zum 1:0 für Argentinien geführt hätte, dann wäre es ein anderes Spiel geworden. Zufall statt Spannungsdramaturgie. Romane und Filme sind jedoch so gestrickt, dass ihr Ausgang Setzung ist, Intention von Autor oder Produktionsteam. Filme und Romane und Comics und HBO-Serien sind Artefakte. Gemacht. Und dort wird mit ausgefuchsten dramaturgischen Mitteln gearbeitet, um so etwas wie „Spannung“ zu erzielen.

Ist auch logisch: Kein Mensch will etwas ohne Spannung. Etwas ohne Spannung ist langweilig oder öd oder fad. Marcel Prousts „Recherche“ zum Beispiel. Oder der „Ulysses“ von James Joyce. Bei beiden Büchern ist es nicht sehr spannend, wie sie ausgehen, wer wen kriegt, wer stirbt, wer lebt. Bei „Kafkas Verwandlung“ schon eher. Trotzdem waren die Abenteuer des Gregor Samsa kein Verkaufshit.

HBO-Serien schon eher, denn für die (und andere Serien ähnlichen Zuschnitts, klar) gilt: „Das Überrascht-Werden wird nachgerade zur conditio sine qua non der Lust am Sehen“, wie die Medienwissenschaftler Claudia Lillge, Dustin Breitenwischer, Jörn Glasenapp und Elisabeth K. Paefgen es gerade in der Einleitung zu ihrem interessanten (beinahe hätte ich gesagt: spannenden) Sammelband „Die Neue Amerikanische Fernsehserie“ (München, Wilhelm Fink) formuliert haben. 

Ist die Überraschung das, was man gespannt erwartet? Oder entsteht Spannung dadurch, dass man weiß, dass die Überraschung kommt, aber nicht wann? Aber wenn die Überraschung konstitutiv für die Serie ist, liegt dann die Spannung darin, ob diesmal vielleicht keine Überraschung passiert? Die genialste aller derzeitigen Serien, HBOs „GoT“, als Game of Thrones, quält seine Fans mit den sadistischsten Überraschungen oder Nicht-Überraschungen. Die fröhlichen Macchiavelli-, roman-noir– und Polit-Thriller- geschulten, erfreulich zynisch-kreativen Macher der Serie bringen Figuren um, die „sympathisch“ angelegt waren oder als „unverzichtbar“, solange bis man einen Tötungsalgorithmus entdeckt zu haben glaubt. Und dann wird der wieder gebrochen und „nette“ Figuren überleben … Bis zur nächsten Staffel und deren Makro-Cliffhangern. Suspense?

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