Liebe Leserinnen und Leser,

was lässt uns frösteln? Uns dazu anhalten, ein Buch unbedingt auszulesen? Zu fiebern? Partei zu ergreifen? Wer nicht unbedingt an der puren Mördersuche interessiert ist, lässt sich vor allem durch Szenen verleiten, die Fragen aufwerfen, die uns mit einem Satz zurücklassen, der uns nicht befriedigt. Natürlich gilt weit verbreitet die Blutorgie oder der Explosionswahn oder die Verfolgungsjagd als Krönung jeglicher Spannung. Was den Suspense ausmacht, wie feingestrickt er zuweilen daherkommt, fragen wir uns in der Augustausgabe der Polar Gazette. Hitchcock trat in vielen seiner Filme selber auf, um keinen Zweifel daran zu lassen, wer hier für die Gänsehaut zuständig war. Viele Autoren haben das nicht nötig. Zu ihren Büchern greifen wir immer und immer wieder, weil uns ein Bild aus einem ihrer Romane nicht aus dem Kopf geht und wir hoffen, dass er uns auf dieselbe Weise noch einmal packt.

In seiner Kolumne „Finden Sie das spannend? Ein paar Steilvorlagen“ ist für Thomas Wörtche augenzwinkernd  eines ganz klar: Kein Mensch will ohne Spannung sein. Das ist langweilig, das ist öd, das ist fad. Carsten Germis erinnert sich in "Sherlock Holmes und die Spannung in der Kriminalerzählung“ an Stevenson, an Karl May oder die Rätsel einer Agatha Christie. Sebastian Kerns Essay „Was ist eigentlich spannend bei Altmeister John le Carré?“ ist dem Anti-Suspense auf der Spur, der eine Geschichte erst so recht spannend macht. Sonja Hartls Statement zeigt sich in der Überschrift „Es muss Mord sein“. Sie folgt Hitchcocks Spuren und findet in Anne Goldmanns „Lichtschacht“ ähnliche Ansätze. In Susanne Mischkes Story „Das Brautkleid“ johlt die Hochzeitsgesellschaft am Ende „Jaah, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch…“, doch das stimmt nicht für jeden auf der Feier.

Egal aus welcher Ecke wir den Suspense betrachten. Er hat es schwer.  Die einen lassen sich von einem Dreh in der Handlung faszinieren, die anderen schlafen dabei ein. Egal welcher Meister des Kalküls, des gewieften Cliffhangers auch darauf abzielt, uns Leser in Bann zu ziehen, er braucht ein Quäntchen Glück. Er muss den Nerv treffen. Wer eine ähnliche Wendung in einem anderen Buch schon einmal gelesen hat, wird kaum atemlos dem Ende entgegenstreben. Wenn es einem Autor wie Sascha Arango in „Die Wahrheit und andere Lügen“ gelingt, eine alte Geschichte so aufzufrischen, dass wir unbedingt das Ende erfahren wollen, zeigt das im Grunde eins: Es ist alles schon mal erzählt worden. Es kommt nur darauf an, es neu zu erzählen.

Viel Spaß beim Lesen
Ihre
Polar Gazette