Der Staat als Auftraggeber für Mord

von Carsten Germis

"In den riesigen Datenspeichern des digitalen Kapitalismus erscheint das Individuum vor allem in seiner zu steuernden Potentialität: als Konsument oder als Terrorist. Seine im erdumspannenden Netz digitalisierten Sozialbeziehungen hinterlassenen Spuren bilden das Rohmaterial einer neuen Vorwärtskontrolle menschlichen Handelns: Der Terrorist soll gefunden werden, bevor er zu einem wird; über den Konsumenten will man wissen, was er konsumieren will, bevor er es selber weiß. So werden beide, jeder auf seine Art, aus dem Reich derer, die etwas zu sagen haben, ausgebürgert."

Mit diesen Worten hat der Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck, Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, dieser Tage in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Zustand in den Ländern des Hochkapitalismus beschrieben. Doch wie hängt das zusammen mit Mord und Totschlag? Was haben die gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit – die sich hin zu einer immer "harmonischeren" (gleichgeschalteten) Gesellschaft bewegt, in der eine Finanzplutokratie ungeniert die Herrschaft übernimmt – zu tun mit so grundlegenden Fragen wie der, warum Menschen morden? Einer der ersten, der sich damit beschäftigt hat, ist wohl der japanische Thriller-Autor Koushun Takami mit seinem Buch "Battle Royale". Es ist der autoritäre Staat, der am Ende Menschen soweit manipuliert, dass er sie zu Mördern macht. Jemanden zu morden ohne Motiv. "Battle Royale" ist ein grausames Spiel. Takami macht in seinem Roman Kinder zu Opfern und Tätern; in ihrer Unschuld zeigen sie, wozu Menschen fähig sind, wozu ein totalitärer Staat mit Furcht und Unterdrückung Menschen treiben kann.

Die Geschichte von "Battle Royale" ist schnell erzählt. In einer Republik Großostasien – die viel mit dem gegenwärtigen China, aber vor allem auch mit Japan und seinem starken Konformitätsdruck zu tun hat – wählt die Regierung in einem grausamen Spiel Schulklassen aus. Sie werden auf eine einsame Insel verschleppt. Jeder Schüler erhält eine Tasche mit Proviant, eine Karte der Insel, einen Kompass – und eine zufällig gewählte Waffe. Das reicht vom Maschinengewehr bis hin zu einer Rasierklinge. Die Schüler verlassen das Klassenzimmer – und das Gemetzel beginnt.

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