Liebe Leserinnen und Leser,

in Agatha Christies 14. Kriminalroman Mord im Orient-Express kommt es am Ende, nachdem Poirot alle Anwesenden im Speisewagen des Mordes überführt hat, zu der eigenwilligen Auslegung, dass ein gewisser Ratchett sich im Zug befunden habe, er womöglich der Mörder sei und ihm die Flucht gelungen sein könnte. Wahrscheinlich wurde der Roman auch deswegen so erfolgreich, weil er uns vorgaukelt, wir könnten uns gegen erlebte Ungerechtigkeit zur Wehr setzen, ohne bestraft zu werden. Was die Frage aufwirft, wozu missbrauchen wir das Motiv sonst noch?

Fast biblisch fleht Thomas Wörtche in der Überschrift  seiner Kolumne Warum, warum nur, warum? Und weist darauf hin, dass es sich bei einem Motiv doch immer nur um eine nachgelieferte Erklärung handelt. Damit wir ein Verbrechen verstehen. Vor dem Gesetz gebe es einen Unterschied, schreibt  Sonja Hartl in Motiv: Aussichtslosigkeit. Es muss gewertet werden, was strafverschärfend oder mildernd ins Gewicht fällt, bevor ein Urteil gesprochen wird. So bekomme jeder seine Chance. Während sich Michaela Hövermann in Intellektuelle Überlegenheit als Mordmotiv den dämonischen Überfliegern wie Hannibal oder den Maniacs in Serien wie Breaking Bad widmet. Das Motiv ist vollkommen nebensächlich, Hauptsache, es wird sich ausgelebt! Während die eigentlich Frage jeder Krise lautet: Bitte bringen Sie mich um. Warum den Dreck noch selber machen, da lass ich mich lieber von jemand anderem umbringen. Indem ich mich vor die Straßenbahn stoßen lasse oder mich jemand erschießt. In Die Regel des Diagoras erzählt D.B. Blettenberg davon, wie das Morden als kleineres Übel hingenommen wird, wenn es zum Wohle der Nation geschieht. Wo bleibt da noch das Motiv des einzelnen, wenn es einer höheren Sache dient?

Motive aller Arten dienen der Gewissensberuhigung. Im Genre allzu beliebt, weil sich so Serienerfolge erzielen lassen. Stimmt das Strickmuster, basiert es auf einem versteckten Motiv. Wenn eine Autorin uns damit überrascht, dass ein Mord bei ihr einfach nicht aus der Welt zu schaffen ist, weil es keinen rationalen Grund dafür gibt, kann sie sich unser aller Aufmerksamkeit sicher sein. Schließlich muss jeder gute Whodunnit erst mal in die falsche Richtung einschlagen, muss ein Unschuldiger ins Visier gebracht werden. Und so steht es am Ende gefährlich um uns. Jeder besitzt ein Motiv. Auch wenn nicht jeder sich davon antreiben lässt.

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Polar Gazette