Bitte, bringen Sie mich um.

von Wolfgang Franßen

Nicht jeder Autor hat ein Motiv. Natürlich James Ellroy schon. Er hat inzwischen mehrere Bücher über den Mord an seiner Mutter veröffentlicht, um ihrem Mörder nahezukommen. Halbfiktional, fiktional, dokumentarisch gleicht dieser Plotansatz eher der Vergangenheitsbewältigung. Gefunden hat Ellroy den Mörder nicht. Obwohl die Art des perversen Verbrechens gleich eine Handvoll Motive aufwirft.

Der Mord ohne Eigenmotiv ist in seiner schillerndsten Ausrichtung sicher der in Auftrag gegebene Selbstmord. Das Opfer will nicht mehr leben und bezahlt für den Abgang, weil es nicht den Mut besitzt, selbst Hand anzulegen, wie Jean Améry es nannte. Der Mörder geht seinem Job nach, schließlich muss jeder von etwas leben. Auch eine Art Motiv, aber nicht das klassische, nach dem vor Gerichten gefahndet wird. Hier verschwindet die Persönlichkeit hinter der Tat. So wie bei Attentätern allein die politische Ausrichtung eine Rolle spielt. Das klassische Motiv an sich muss psychologisch untermauert sein, um einem Plot genügend Standfestigkeit zu verleihen.

Ohne Grund kommt keiner davon. Der bezahlte Selbstmord, wie Friedrich Ani ihn in unserer ersten Ausgabe der Gazette beschreibt, findet seinen Ursprung im Überdruss am Leben. Aber er steht in der zweiten Reihe, ähnelt eher der Erfüllung eines Wunschs. Wären da nicht die Furcht vor den Schmerzen – es kann so einiges schiefgehen, wenn wir uns vor einen Zug oder aus der sechzehnten Etage in die Tiefe werfen –, wäre diese Art des Sterbens, des Eigenmords sicher ein Volkssport.

Wie sieht aber ein Mord ohne Motiv aus? Kann es den überhaupt geben?

Stellen wir uns vor: Ich wache morgens auf und bin glücklich. Würde ich dann morden? Aus Versehen? Weil ich in eine Schlägerei gerate und mir nur die Notwehr bleibt? Was hätten wir tun sollen, uns selbst töten lassen? Der Mann hatte schließlich ein Messer auf uns gerichtet, also mussten wir ihn mit dem Stein erschlagen. Diese Unterkategorie Mörder kommt zumeist glimpflich davon und wird auch nicht als Mörder geächtet. Eher als Opfer bezeichnet, bei dem der Tote sich halt den Falschen ausgesucht hat. Schicksal. Wer will nicht weiterleben?

Ein Mord ohne Motiv… niemals.

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