Sympathieträger der Massen

Das fiktionalisierte Ergebnis ist ein lustvoll-makabres Spektakel, das Leser und Zuschauer gleichermaßen in den Bann zieht: „Roter Drache“, „Das Schweigen der Lämmer“ und „Hannibal“ erzeugen genau die richtige Mischung aus Entsetzen und Ekel.  Nicht der Held, sondern der charismatische Böse ist es, der in einem Katz-und-Maus-Szenario immer wieder die Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität überschreitet, wenn er das FBI bei der Aufklärung von Mordfällen unterstützt und sich gleichzeitig selbst zur Zielscheibe polizeilicher Bemühungen macht.

Was macht Lecter zu dem, der er ist? Woher kommt dieses Eiskalt-Berechnende, das Böse, das zutiefst Verführerische? Ist es Genen oder Erfahrungen geschuldet? Über weite Teile hält sich die Faszination an diesem Charakter, weil man dahinterkommen will, wie Lecter wirklich tickt. Lange ließ Thomas Harris die Leserschaft im Unklaren, bevor er in seinem Prequel „Hannibal Rising“ die Ereignisse in Lecters Jugendjahren enthüllte. Das Ergebnis ist nicht nur eine Entmystifizierung der Figur, sondern auch eine Banalisierung aufgrund der müden Aneinanderreihung von Monstrositäten, die ihresgleichen suchen. Bis dato war man gefordert, biographisch-psychologische Leerstellen selbst zu schließen, den Nervenkitzel auszuhalten, es eben nicht genau zu wissen. Nichts ist letztendlich wirkungsvoller als die einmal entfesselte eigene Fantasie … 

So folgt der erwachsene Hannibal Lecter stets einer eigenen Agenda: Während die Guten ihren Job machen, liegt sein Fokus auf purem Genuss, magnetisch angezogen von allem, was seine Intelligenz fordert. Zwischen Gnade und Gnadenlosigkeit überschreitet er die Grenzen von Gut zu Böse fließend. Nie ist klar, welche Kraft die Oberhand gewinnt.

Es sind die FBI-Agenten, die Hannibal Lecter – im ersten Teil noch ein praktizierender Psychiater – aufsuchen. Mehr noch als Will Graham fasziniert die junge Agentin Clarice Starling, mit der Lecter einen besonderen Deal eingeht: Er liefert ein psychologisches Profil des von ihr gesuchten Serientäters. Im Gegenzug gewährt sie ihm direkten Zugang zu ihrer verletzlichen Psyche. Sie lässt sich ein auf ein perfides, intimes Spiel auf intellektuell höchstem Niveau … Das Ergebnis ist eine Delikatesse, die nach wie vor ihresgleichen sucht.

In diesem Sinne: Das Büffet ist eröffnet!

 Michaela Hövermann © 07/2014

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