Intellektuelle Überlegenheit als Mordmotiv

von Michaela Hövermann

„Das Schnellste auf Erden ist der Übergang vom Guten zum Bösen.“

G.E. Lessing

Meist bringen die Guten – in aller Regel Polizisten, Privatdetektive oder Journalisten – die Bösen kreativ und raffiniert zu Fall. Doch TV-Serien wie „Breaking Bad“, „Dexter“ oder „Hannibal“ zeigen, dass es auch anders geht: Charismatische Psychopathen nehmen ein für das pathologische Böse, und das Publikum wechselt unter geschickter Führung von Autoren und Regisseuren die Seiten. Angefeuert werden der  sadistische Serienkiller oder der größenwahnsinnige Crystal-Meth-Koch, denn es sind genau diese Antagonisten, die zum Spiegelbild unserer komplexen Gesellschaft werden. Sie brechen Regeln und Konventionen – sie sind einschränkungslos, frei und ihren Widersachern haushoch überlegen.

Längst ist Hannibal Lecter, der kultivierte Kannibale aus der Romanreihe des amerikanischen Autors Thomas Harris, zur Ikone und zum Zugpferd einer Franchise-Wirtschaft  geworden. Mit seiner Vorliebe für Menschenfleisch ist er ein Katalysator für die heimliche Lust am Bösen, am lesbaren Tabubruch im Schutzraum der Fiktion zwischen Psychogrusel und Splatter – ohne Schranken, Grenzen, Konventionen. Der Täter ist nicht länger gesichtslos; er hat Persönlichkeit.

Der Verstand als schärfste Waffe

Intellektuelle Serienkiller stehen seitdem auf der Beliebtheitsskala hoch im Kurs. Der Psychiater Hannibal Lecter ist von Haus aus als Übermensch konstruiert: hochintelligent, hochgebildet, hochgradig hemmungslos. Dazu kommt seine fast unheimliche Gabe, Gegenspieler und Kontrahenten zu durchschauen. Mit mentaler Präzision seziert sein Verstand die Gedanken, seine chirurgisch ausgebildete Hand die Körper seiner Opfer. Der Geschmack der medial abgehärteten Massen verlangt nach Extremen, die herausstechen aus dem Einheitsbrei. Doch gerade Gewaltdarstellungen und Tabubrüche wollen hintergründig angelegt sein. Für Lecter ist der Kontakt mit anderen Menschen nichts als ein Spiel zwischen seiner Allmacht und ihrer Ohnmacht. Er mordet mit moralischer Ambivalenz und wird in einer beklemmenden Mischung aus Größenwahn und Grandiosität Alleinherrscher über Leben und Tod.

Zum 25-jährigen Jubiläum von „Das Schweigen der Lämmer“ schockierte Autor Thomas Harris die Fangemeinde mit einer Enthüllung: Seine berühmteste Figur ist durch einen realen Vorläufer inspiriert, den er 1959 als junger Journalist kennenlernte: Der mexikanische Mediziner Alfredo Ballí Trevino, genannt „Dr. Salazar“, ermordete seinen Liebhaber und verscharrte seine säuberlich filetierte Leiche.  Bei ihrer Begegnung hielt Harris ihn irrtümlich für den Anstaltsarzt, denn der elegante Mann spürte mit professioneller Intensität grausamsten Details in den Schilderungen seiner Mitgefangenen nach …

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