Motiv: Aussichtslosigkeit

von Sonja Hartl

Bei der Einordnung von Verbrechen spielt das Motiv eine wichtige Rolle: Juristisch ist es ein Unterschied, ob ich einen Menschen töte, um an sein Geld zu kommen oder um einen anderen Menschen zu beschützen. In der Kriminologie werden Verbrechen nach Motiv  geordnet, so gruppiert beispielsweise das FBI Tötungsdelikte in Beziehungs-, Bereicherungs-, Sexual- und gruppendynamische Delikte.

Die Definition von Motiv ist bei allen diesen Einordnungen einfach: Das Motiv ist der Beweggrund für eine Handlung. Die Wahrnehmung und Bewertung dieses Motivs hängt jedoch eng mit der Situation zusammen, in der man sich befindet. Beispielsweise äußerte Kardinal Frings in seiner Silvesterpredigt 1946 Verständnis dafür, dass Kohlen und Lebensmittel gestohlen werden, und wenngleich er ergänzte, unrechtes Gut solle zurückgegeben werden, wurde daraufhin ‚fringsen‘ ein Synonym für das zumindest gesellschaftlich und moralisch akzeptierte Stehlen von Kohle. Sogar juristisch war Mundraub bis ins Jahr 1975 eine privilegierte Form des Diebstahls, danach wurde mit der Verbesserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage das Stehlen eines Brötchens dem einer anderen Ware gleichgestellt.

Die Zuschreibung eines Motivs impliziert zudem die Bewertung und Deutung eines Handelns. Hierbei sind Verhaltensweisen, Handlungsoptionen und die Zielvorstellung des Handelnden zu berücksichtigen. Was ist jedoch, wenn Handlungen kein Ziel haben und der Handelnde in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der kriminelle Taten nicht als kriminell bewertet werden? Entziehen sich diese Taten, die aus reiner Aussichtslosigkeit begangen werden, einer Deutung?

Die Autoren des ‚country noir‘ erzählen von solchen Leben, in denen sich Familien wegen einer Marihuana-Ernte umbringen (Daniel Woodrell, „Stoff ohne Ende“) und die Polizei bei der Tötung eines Jungen nicht ermittelt, sondern das Schweigen der Familie mit Geld erkaufen will (Daniel Woodrell, „Tomato Red“). In diesen Leben gibt es keine Aussicht auf Recht oder Gerechtigkeit. Ohne Perspektive, Unterstützung und Hoffnung wird aus einem tragischen Unfall der Anfang einer Spirale, die scheinbar unweigerlich in den Tod führt (Willy Vlautin, „Motel Life“), und so bleibt der 15-jährigen Margo nur der Griff zur Waffe, um nach der Vergewaltigung durch ihren Onkel für Gerechtigkeit zu sorgen (Bonnie Jo Campbell, „Stromschnellen“).

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