Warum, warum nur, warum?

von Thomas Wörtche

Kriminalliteratur und Motive? Klar, das allereinfachste Thema. Ohne Motiv kein Verbrechen. Ohne Verbrechen keine Kriminalliteratur. Alles klar. Also eine Klassifikation der Kriminalliteratur nach ihren Motiven? Eine Motivgeschichte der Kriminalliteratur? Die Veränderung der Motive in Geschichte und Gegenwart? Warum gibt es so was eigentlich nicht? Wobei natürlich keine literarischen Motive gemeint sind, die gibt es sogar als „Motiv-Geschichte“ für Kriminalromane – „Das Motiv des Lustmords in der Kriminalliteratur“ oder „Das Motiv des mörderischen Rettichs im deutschen Qualitätsgrimmi“. Aber natürlich reden wir über das Motiv, das strafrechtlich ein gewisse Rolle spielt: Mord mit Motiv oder ohne Motiv. 

Wobei die üblichen Motive nicht sehr spannend sind: Gier, Habgier, sexuelle Begier, Eifersucht, Verzweiflung …

Man ist fast ein bisschen voreilig, wenn man Raymond Chandlers berühmtes Diktum über die Rolle von Dashiell Hammett für die Evolution der Kriminalliteratur zitiert: „Hammett brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück, die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur, um dem Autor eine Leiche zu liefern.“ So steht es in dem großen Essay „The Simple Art of Murder“ (1950), in dem Chandler weniger Hammett featured, als man glauben möchte – im Grunde gibt es sogar ein paar subkutane Spitzen gegen den großen Konkurrenten, als den Chandler ihn empfunden haben muss, auch wenn Hammett zu dieser Zeit schon nicht mehr schrieb.

Tatsächlich können Gründe und Motive aber sehr verschiedene Dinge sein: Ein Motiv mag Habgier sein, der Grund für den Mord aber der, dass das Opfer im Wege steht oder Zeuge ist oder was auch immer … Und natürlich argumentiert Chandler für einen gewissen Realismus in der Kriminalliteratur gegen die künstlichen Welten des Golden Age.

Tatsächlich spielt im Golden Age (und in den diversen Ableitungen bis heute) die Motivation für allerlei gepflegte Untaten gar keine Rolle. Die berühmten „Twenty rules for writing detective stories“ von S. S. van Dine aus dem Jahr 1928 halten sich damit nicht groß auf – allerdings ist Regel Neunzehn, die sich damit beschäftigt, knapp und desinteressiert, aber beredt genug: „The motives for all crimes in detective stories should be personal … a murder story must be kept gemütlich, so to speak. It must reflect the reader´s everyday experiences, and must give him a certain outlet for his own repressed desires and emotions.“ Großartig, die Funktion des schönen deutschen Wortes “gemütlich” (und auch noch mit dem korrekten Umlaut) – mancher Tod ist gemütlicher als der andere und wenn der Leser sich vorstellt, wen er aus welchen Gründen („everyday experience“) gerne umbringen möchte, dann ist das Mord-Rätsel in der Tat von allen unreinen Implikationen frei. („International plotting and war politics“ dürfen, laut S. S. van Dine, gerne im Spionage-Roman abgehandelt werden, ihre „Motive“ taugen nix für eine Literatursorte, für die nur „a decidedly worth-while person“ als Mörder in Frage kommt, „one that wouldn´t ordinarily come under suspicions“, wie zum Beispiel – horribile dictu – „a servant“. Wir sehen: Die Frage nach der moralischen Option, die die eine Bevölkerungsklasse hat und die andere nicht, nämlich ob sie morden will und ob dieses Morden interessant ist oder nicht, hat nicht nur die Thatcher-Aktivistin P. D. James in den 1990er Jahren aufgebracht. Sie gehört zu den vielen, vielen kleinen, versteckten gesellschaftspolitischen und ideologischen Implikationen, die die angeblich so harmlosen „murder mysteries“ schon immer hatten – und heute natürlich immer noch haben, auch wenn sie schon längst im Unzeitgemäßen des Gleichzeitigen herumpütschern.

     weiterlesen