Die Regeln des Diagoras

von D. B. Blettenberg

„Vor den Mauern Konstantinopels war der Islam von einem Spiegelbild seiner selbst zurückgeworfen worden; das Christentum war eine konkurrierende monotheistische Religion mit einem ähnlichen Sendungsbewusstsein und demselben Drang, Andersgläubige zu bekehren.“

Roger Crowley
Konstantinopel 1453 – Die letzte Schlacht


Die Leiche des Türken lag auf dem gepflasterten Parkstreifen über dem Strand von Pandeli.
   Das Meer war ruhig. Die auslaufenden Wellen leckten mit leisem Schmatzen an Sand und Kieseln, und der Vollmond hing groß und mächtig im Nachthimmel über Leros. Die Küste Kleinasiens war nur sieben Seemeilen entfernt. Genau so weit wie die Motorjacht benötigt hatte, die den Türken für einen Tagesausflug auf die griechische Insel gebracht hatte.
   Der Mann war Mitte Zwanzig. Selbst im Tod zeigte er noch das überhebliche Lächeln, mit dem er sich gegen Mitternacht zum letzten Mal unbeliebt gemacht hatte. Äußerlich waren keine Verletzungen zu erkennen. Wenn er verblutet war, dann innerlich. Was das anging, bestand für Nikos Gerakis kein Zweifel. Immerhin hatte er den Mann auf dem Gewissen. Zeugen gab es genug. Doch kaum einer der Lerioten, die dabeigewesen waren oder jetzt noch herbeikamen, um zu gaffen, nahm es Nikos besonders übel, einem Türken gezeigt zu haben, wo Schluss war. Nicht einmal das Team der Inselpolizei hatte ihn unfreundlich behandelt.
   Gut, sie hatten ihm Handschellen angelegt. Das war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber letztlich in Ordnung. Immerhin befanden sich Anfang August eine Menge Touristen auf Leros. Nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Europa. Und von dort kamen nun mal die Überweisungen, die Hellas retten sollten. Deshalb war es neuerdings wichtig, dass die Regeln eingehalten wurden. Natürlich kam neben den Hilfspaketen aus Brüssel auch eine Menge türkisches Geld ins Land. Doch das waren Moneten neureicher Nachbarn, die gerne mit ihrem Wirtschaftswunder protzten, wenn sie zu Wochenendausflügen auf den griechischen Inseln einfielen. Nicht zu vergessen die anatolischen Investoren, die inzwischen wie Geier über Leros kreisten, um billig Beute zu machen. Spaß und Geschäfte. Es war die reinste Invasion.
   Wo blieb da Platz für einen ehrlichen Lerioten?
   Eine Frage, die Nikos schon lange beschäftigte und auf die er gerne eine Antwort bekommen hätte.
   Der Tote war jedenfalls aus Turgutreis. Die Polizisten hatten seine Papiere überprüft. Der Ort lag gegenüber auf dem Festland. Daher und aus Bodrum — oder Halikarnassos, wie es für einen ordentlichen Griechen immer noch hieß — kamen die meisten dieser großkotzigen Brüder. Aber das war natürlich kein Grund, sie gleich umzubringen. Das sah selbst Nikos so. Auch wenn er sich nicht daran gehalten hatte.
   Gebannt betrachtete er die Leiche. Er konnte einfach nicht wegsehen. Wie war das nur passiert? Er hatte den Mann bestimmt nicht töten wollen. Niederschlagen, das ja. Aber mehr nicht. Warum, um Gottes Willen, hatte er es nicht dabei bewenden lassen, dass der Gegner kampfunfähig zu Boden gegangen war? Warum zum Teufel war ihm danach die Sicherung durchgebrannt? Was für ein verdammter Tag. Mehr noch: Was für eine verdammte Woche, die hinter ihm lag.
   Es hatte von Anfang an nicht gut ausgesehen.

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