Nieder mit der Literatur, her mit dem Sound.

von Wolfgang Franßen

Wer einem Autor verfallen ist, schwärmt von der Art, wie er die Menschen beschreibt, eine Stadt spiegelt, eine Landschaft ausbreitet. Von Sprache, von Rhythmus, von dem, was zwischen den Zeilen steht. Die Worte können plötzlich stehenbleiben oder ganze Sätze über die Seiten fliegen, Dialoge sich dadurch auszeichnen, was nicht gesagt wird. Manchmal reicht ein Blick, eine Geste, ein Lächeln.
    James Joyce hat einen Rattenschwanz an Interpreten nach sich gezogen, die bis heute darum streiten, wer wohl den Meister am besten versteht. Es gibt die Thomas-Mann-Tagebuch-Versteher, die Ingeborg-Bachmann-Niederknier, die Isaac-Bashevis-Singer-Jünger. Sollten sie nicht durch ein Literaturstudium versaut sein und die Stimme ihrer Professoren in die Welt hinausposaunen, vereint sie allesamt eins: sie haben ein Buch eines Schriftstellers gelesen und kommen nicht mehr von der Art des Erzählens los. Gemeinhin gilt als bewiesen, dass alle Geschichten schon einmal erzählt wurden. Das Genre Krimi musste sich jahrzehntelang gegen Hochnäsigkeit behaupten. Es gab immer wieder Versuche, den Ausschluss aus dem hohen Kanon der Literatur zu überwinden und literaturwissenschaftlich zu belegen, dass nicht alles Literatur ist, doch dass vieles im Krimi gerade wegen seiner Sprache zu solcher wird. Würde in manchem Krimi-Klassiker kein Schuss fallen, niemand zu schaden kommen, stände außer Frage, dass der Autor ein Literat ist. Doch kaum hält das Verbrechen Einzug, zieht die sich der hermeneutisch abgegrenzte Literaturzirkel polternd durch die Hintertür zurück.
    Also sagen wir es gleich: Nur der Krimi besitzt einen Sound. Warum sollten wir es unbedingt Literatur nennen müssen? Der Krimi swingt, er rockt, er rappt und in den 70ern bewegt er sich zu Isaac Hayes Rhythmen. Leonardo Padura ohne Salsa, Camilleri und  Sciascia ohne die Oper Verdis und Leoncavallos? Kaum vorstellbar.
    Der Krimi ist Sound.
    Nicht immer auf den ersten Blick hörbar, aber mit den Jahren kristallisiert sich ein Ton heraus, der sich an eine Landschaft an Menschen bindet. Zugegeben, nicht bei jedem Autor. Auch wenn der Mainstream gerne darauf verweist, wie sehr ein Starautor doch zum Kult geworden ist.  Mit einmal hallt der Existenzialismus durch den Kriminalroman der Fünfziger in Frankreich. Mit einmal gerät die Tingeltangelmusik, die Revue ins Zentrum nicht nur von Berlin Alexanderplatz. Mit einmal durchdringt der Jazz ganze Generation von Schriftstellern. Im Banlieue um Paris gibt der Rap, der Hip Hop, Musik aus Trinidad oder Mosambik den Ton der Geschichten an.

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