Jazz, ein Single Malt und ein Deal mit Amazon

von Carsten Germis

Jedes Klischee hat einen wahren Kern. Auch der Polar macht davon keine Ausnahme. Kann man sich vorstellen, dass der Held eines Polar-Romans die fröhlich beschwingte, optimistische, aber auch etwas oberflächliche Musik eines Joseph Haydn mag? Oder dass er deutsche Schlager hört; dass er gar ein alternder Fan der in der Bundesrepublik in den 60er- und 70er-Jahren populären französischen Sängerin Mireille Mathieu ist und in der Badewanne Mathieus Lied „Es geht mir gut, Chéri“ trällert? Wohl kaum. Zum Polar, zum amerikanischen „Hard boiled“ gehört seit den Zeiten Raymond Chandlers und Dashiell Hammetts  neben dem Whisky – selbstredend dem schottischen, im Falle von Eisler auch mal japanischen Single Malt – der Jazz. Barry Eisler, amerikanischer Thriller-Autor, lässt seinen Helden John Rain, einen Ex-Agenten der CIA, der seine Freiheit als Profikiller findet, deswegen genau diese Eigenschaften mit sich selbst teilen. „Wir beide mögen Jazz-Clubs und Jazz“, sagt er. Und während auf der Bühne die Jazzpianistin Midori spielt, deren Vater er gerade ermordet hat, hört Rain zu und trinkt  – einen guten Single Malt. Der Ex-CIA-Mann, der aus Gewissensnot  mit den korrupten Strukturen des Staates gebrochen hat, macht jetzt als „Ich AG“ und Auftragskiller das, was er am besten kann – Töten. Bei Eisler  findet sich – auch wenn seine Thriller ohne Zweifel herausragend sind  – manches wieder, was an Klischees überhaupt möglich ist.
    Eisler, der selbst einige Jahre für die CIA gearbeitet hat, hat mit seinem Thriller „Tokio Killer“ (amerikanische Originalausgabe „Rain Fall“) 2002 um den Auftragskiller John Rain gleich mit seinem Erstling einen großen Erfolg – und seinen Durchbruch als Thriller-Autor  –erreicht. Seitdem gehört der 1964 in New Jersey geborene Amerikaner zu den wenigen Schriftstellern, die vom Schreiben sehr gut leben können.
    Ein Auftragskiller als Held? Das funktioniert, weil Eisler seinen John Rain zugleich zum Rebellen gegen die Obrigkeit und zum Kämpfer gegen die korrupten Strukturen der kapitalistischen westlichen (und japanischen) Welt macht.  Rain hat die „Kunst des Tötens“ als Elitesoldat im Vietnamkrieg gelernt – ein Krieg, der ihn zum zurückgezogenen Skeptiker  gemacht hat. Jetzt arbeitet er – ein Halbjapaner – als Spezialist für Mord und Totschlag, dessen Kunst es ist, einen Mord wie einen natürlichen Todesfall aussehen zu lassen. Drei eherne Grundsätze hat Rain: Keine Gewalt gegen Frauen und Kinder, nur wichtige Akteure, keine Nebenfiguren dürfen Ziel sein, und neben ihm darf niemand anders damit betraut werden, „das Problem zu lösen“.

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