The Sound of Crime

von Thomas Wörtche

Der ideale musical score zu Kriminalliteratur ist Jazz. Würde ich, wenn auf Musik und crime fiction angesprochen, sagen. So mal ganz spontan.
    Weil Jazz und Kriminalliteratur nun mal zusammengehören. Aha. Zumindest sieht Pierre Bourdieu das so. Jazz und Kriminalliteratur und Kino und Comics bilden zusammen die arts moyens – die „mittleren Künste“.  Und die sind, so heißt es in den „Feinen Unterschieden“ von 1979, eigentlich nur Surrogate, weil sie es zu „echten“ Künsten nie geschafft haben – Oper, Epos, Lyrik,  Bilderhauerei, klassische und Neue Musik oder Ballett. Surrogate natürlich für Leute, die mit Surrogaten zufrieden sind  – und das ist bei Bourdieu immer eine „Klassenfrage“, ein Ausdruck von Denken in Hierarchien.  Spaßig ist dabei natürlich, dass ausgerechnet der Meister der Selbstreflexion – lesen Sie mal seine „Meditationen“, wie er das akademische Denken  der verschiedenen scholés dort auseinandernimmt – hier an dieser Stelle so wenig selbstreflexiv ist. Ob´s am Thema liegt?
    Denn dass mit Jazz etwas nicht so richtig stimmt, vor allem wenn und weil man ihn mit dem Kriminalroman in Verbindung bringen kann, das immer wieder zu unterstreichen war schon fast ein Hobby oder diebisches Vergnügen von Theodor W. Adorno. Seit den 30er-Jahren drosch er eher wolllüstig auf dem Jazz herum und auf dem Kriminalroman gleich mit – wobei nicht so ganz klar ist, warum.  Obwohl, für seinen Furor gegen den Jazz hat Volker Kriegel die bis jetzt überzeugendste Antwort gegeben:  „Adorno und der Jazz. Ein Nachtrag von Volker Kriegel“, 1986 im Musik-Raben (Der Rabe – Magazin für jede Art von Literatur – Nummer 14) erschienen und hier auf einen Satz reduziert: „Hi midget, what about a fuck?“ Aber lassen wir das …
    Wichtig ist folgender Satz Adornos aus dem Aufsatz „Zeitlose Mode. Zum Jazz“, den ich hier in der späten Fassung von 1953 zitiere: „In der Integration des Asozialen berührt sich das Schema des Jazz mit dem ebenso standardisierten des Kriminalromans und seiner Ableger, wo regelmäßig die Welt so verzerrt – oder enthüllt – ist, als wäre das Asoziale, das Verbrechen die alltägliche Norm …“. Dass Jazz die Musik der Demimonde sei, war schon damals nicht neu im Diskurs, das Argument war fast da, bevor die Musik überhaupt hörbar wurde. Das ist historisch bemerkenswert, aber anyway … Jazz oder die jeweiligen Ideen, Images, Visionen oder Halluzinationen davon, was „Jazz“ sei, war „Weltuntergangsmusik“ in Hermann Hesses „Steppenwolf“ oder der Soundtrack zu Hugo Bettauers „Das entfesselte Wien“ oder Felix Dörmanns „Jazz“ – beides thematische Vorläufer von Martin Scorseses „Wolf of Wall Street“, cum grano salis. Das hat natürlich mit Jazz als musikalischem Material nichts zu tun, Synkopen per se sind nicht semantisch. Nur metaphorisch wird ein Schuh draus, wenn der auch an allen Stellen drückt.

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