Liebe Leserinnen und Leser,

von Musik versteht doch jeder etwas und vom Krimi auch. Oder? Wenn in der neuen Ausgabe der Polar Gazette die Frage nach dem Verhältnis zwischen Musik und Krimi gestellt wird, ist damit weniger die Frage gemeint, welche Musik höre ich, wenn ich einen Krimi lese. Das Genre benötigt normalerweise nicht so viel Einstimmung. Es ist kompatibel. Am Strand wie in der Bibliothek hinter einem falschen Umschlag versteckt, selbst als Ablenkung auf Hochzeiten wie Trauergemeinde vorstellbar. Und doch gibt es wohl kaum eine Gattung, die so von der Musik geprägt wurde. In der Oper braucht es zumeist erst einmal ein Libretto, damit ein Komponist eine Musik dazu schreiben kann. Auch im Film kommt die Vertonung erst, wenn bei den Bildern die letzte Klappe gefallen ist. Songtexte wiederum werden eher mit Lyrik verglichen, auch wenn sich mancher Lyriker bei gewissen Reimen im Grabe umdreht.
    Thomas Wörtche lässt in seiner Kolumne The Sound of Crime keinen Zweifel aufkommen: der Krimi ist „die blue note der Literatur“, aber niemals „Play it again, Sam“. Markus Naegele, Cheflektor im Heyne Verlag und Programmleiter von Heyne Hardcore, stöbert in Krimi & Musik nicht nur Videos mit musizierenden Autoren auf, er entlockt Autoren mit den Top-10-Songlisten die treibende Musik, die Einfluss auf ihr Werk genommen hat. Carsten Germis, der für die FAZ in Tokio schreibt, kommt natürlich nicht an Barry Eisler und seinem Auftragskiller John Rain vorbei und gibt Thomas Wörtche indirekt schon im Titel des Essays recht: Jazz, ein Single Malt und ein Deal mit Amazon. Bei Michaela Hövermann und dem Skandinavien-Touch in Melodien in Moll und Metall geht es gesitteter zu. Realistisch wie der Norden nun mal ist. Während der Titel unserer Story im Juni Flatrate von Karr & Wehner bereits verrät, dass sich hier alles um ein Smartphone dreht. Immerhin spielen die ja auch Musik ab. In Nieder mit der Literatur, her mit dem Sound folgt die ultimative Klarstellung: was braucht der Krimi die höheren Weihen der Literatur, er besitzt einen Sound.
    Beruhigend ist, man muss kein Jazzliebhaber sein, um Krimis lesen zu dürfen. Man muss auch nicht zum schwülstigen Opernliebhaber werden, um Francis Ford Coppolas Der Pate 1-3 ansehen zu dürfen. Angeblich soll das Orchester auf der Titanic bis zum bitteren Ende gespielt haben. So wie der Krimi es auch zulässt, dass das Wasser ihm bis zum Hals steigt, wo andere lieber literarisch schweigen.

Liebe Grüße
Ihre
Polar Gazette