Zwei Stunden später klopfte es an der Tür von Zimmer 369. Kurz zuvor hatte Esther Grohe einen Anruf von der Rezeption erhalten. Ein Dr. Robertsen sei gekommen und wolle mit ihr sprechen. Das sei richtig, sagte sie, man möge ihn heraufschicken.

         Vor ihr stand ein Mann, der zwar ungefähr genauso alt war wie ihr Liebhaber, der Berliner Anwalt Dr. Robertsen, allerdings zwei Nummern wuchtiger und mit einem Gesicht, das sie noch nie gesehen hatte.

         „Sie sind hier verkehrt.“ Esther Grohe, die in Hamburg als Maklerin für Hochpreis-Immobilien arbeitete und gewohnt war, sinnlose Leute abzuwimmeln, zog den Gürtel ihres Morgenmantels enger und wedelte mit der Hand.

         „Da denken’S jetzt verkehrt, liebe Frau“, sagte der Mann. „Ich bin Ihr Selbstmörder.“

         Danach verloren sich die Gedanken und Worte der einunddreißigjährigen Maklerin in einer Art biologischer Baugrube.

        Als die Hausdame Frauke Kik, verantwortlich für sämtliche Dienstleistungen im Hotel, Frau Grohe fand, hing diese an einem Seil, das an der Vorhangstange verknotet war. Dank der Tatsache, dass Esther Grohe permanent streng auf ihre Diät achtete, hatte die Stange den Körper der Frau gut getragen und war nicht zerbrochen. Vor dem Fenster lag ein umgekippter Sessel.

        Derartige Fälle von Selbstmord hatte Executive Housekeeper Kik – Herrin über fünfzehn Mitarbeiter im Haus und dreiundvierzig externe Dienstleister – schon mehrfach erlebt. Das Beseitigen der Spuren bereitete ihr und ihren Kollegen nicht viel mehr Mühe als das Reinigen von Zimmern, in denen enthemmte Gäste auf unterschiedlichste Weise Schmutz und Chaos hinterließen.

        Frauke Kik war bekannt und berüchtigt für ihre Detail-Verliebtheit, ihr Motto lautete: „Das Versäumte ist nicht nachzuholen.“ Auch in ihren eigenen vier Wänden neigte sie zu grotesken, überflüssigen Putzanfällen, obwohl sie sich siebzehn Stunden am Tag im Hotel aufhielt. Und wenn sie einmal, was selten passierte, im Ausland Urlaub machte, ertappte sie sich dabei, wie sie ihr Hotelzimmer mit Zeitungen auslegte.

         Innerhalb von einer Stunde sah Zimmer 369 so aus wie immer. Frauke Kik hatte sogar noch eine neue Vorhangstange organisiert, inklusive eines fabrikneuen, seidenartigen Vorhangs und dazu passenden Haken.

         Über den Mann, der bei Esther Grohe geklopft hatte, redete niemand. Das Motiv für die Tat sah der Ermittelnde Hauptkommissar der Münchner Kripo, Michael Ross, im Eifersuchtsdrama zwischen der Maklerin und dem verheirateten Anwalt Dr. Felix Robertsen.

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