Aufnahme

von Mechtild Borrmann

„Hallo …“
    „Hallo Frederik … Die Lena hat mir dieses Gerät besorgt, weil … weil du doch nicht mit mir sprechen willst, aber ich dir doch was sagen will …“
    Stopp.
    Nein. Das war nicht gut.
    Mit zittrigen Händen legte Margret das Diktiergerät auf den Küchentisch, schob den alten Holzstuhl mit der fadenscheinigen tannengrünen Polsterung zurück und ging zum Herd.
    Kaffee. Erstmal Kaffee kochen.
    Lena hat gesagt, schreib ihm doch, wenn er deine Besuche nicht will. Aber was hat man schon geschrieben, in den letzten zwanzig Jahren. Einkaufszettel und Überweisungen. Zwei Stunden hat das gedauert. Für eine Seite. Eine Seite, und die dann auch noch voll mit durchgestrichenen Sätzen. So was schickt man doch nicht.
    Sie füllte den Wasserkessel, stellte ihn auf den Herd und nahm die Glaskanne, die mal Teil einer Kaffeemaschine gewesen war, und spülte sie behutsam aus.
    Die Maschine war ein Geschenk von Frederik gewesen. Die war lange kaputt, aber die Kanne war ja noch da und die hielt sie in Ehren. Sie löffelte Kaffeepulver hinein. Ihr Blick wanderte zum Küchentisch, und sie beäugte misstrauisch das kleine, silberne Gerät darauf.
    Ein Jahr ist das her, dass die alle hier waren. Die von den Zeitungen und vom Fernsehen. Keine Minute Ruhe, nicht mal nachts. Da konnte man sich nicht mehr auf die Straße trauen. Glauben kann man so was nicht. Das geht einem über den Verstand. Da denkt man nur: Das hat der Junge nicht getan. Das muss sich doch aufklären. Und dann … dann will der einen nicht sehen, und man weiß nicht warum.
    Das Wasser kochte. Sie nahm den Kessel und schüttete Wasser auf das Kaffeepulver.
    Reden … alles in das Gerät sagen. Das wird ja nicht so schwer sein, nicht so wie Briefe schreiben, denkt man. Aber jetzt … jetzt weiß man nicht, wie man anfangen soll.
    „Mein lieber Frederik“, murmelte sie und strich über die Kaffeekanne.
    Nein! Das wird ihm nicht gefallen. Da wird er die Kassette sofort aus dem Apparat reißen und in den Müll werfen. Behandele mich nicht immer wie ein Kind, wird er schimpfen.
    Sie stellte den Kessel ab und stützte sich schwer auf die Spüle.
    „Frederik, ich hab doch nur noch dich“, sprach sie in das Becken. Sie schluckte.
    Nein! Nein, das auf keinen Fall.
    Das Kaffeepulver hatte sich auf dem Kannenboden abgesetzt. Sie nahm einen Becher aus dem Oberschrank und goss sich ein. Am Küchentisch zündete sie eine der selbstgestopften Zigaretten an und nahm einen tiefen Zug. Bevor sie das Diktiergerät anfasste, wischte sie ihre schweißnassen Hände an dem blassblauen Kittelkleid ab und spulte zurück.
    Wenn das doch im Leben auch so ginge. Wenn man doch alles, was man gesagt hat, mit neuen Sätzen wegsprechen könnte.
    Sie räusperte sich und legte die Zigarette auf den Aschenbecherrand.
    Aufnahme.
    „Frederik, ich bin´s … Mama. Ich weiß nicht, warum ich dich nicht besuchen darf. Ich bin … ich mein, ich versteh das nicht.“
    Stopp.
    Sie stand auf und starrte zum Küchenfenster hinaus. Die Fassade gegenüber war mit Satellitenschüsseln übersät. Auf den kleinen Balkonen standen Wäscheständer und Getränkekisten. Unten auf dem Platz, neben den Glascontainern, stapelten sich Müllbeutel.
    Aufnahme.

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