Wer kann, rettet sich selbst. So wie die Roma.

von Eberhard Nembach

In der Fußgängerzone spielen sie ihre rasend schnellen Läufe, quietschend und quäkend auf Blasinstrumenten und billigen Gitarren.
    Stundenlang. Manche geben Geld, andere schimpfen, alle wollen, dass "die weggehen, die Zigeuner". Sie sollen weg. Weg von hier, irgendwohin. Wo sie hergekommen sind. Da spielen sie auch. Und da geben auch manche Geld, und viele schimpfen. Andere werfen dort Steine, oder Fackeln, oder schießen gleich. In Ungarn. In Rumänien. In der Slowakei. In Frankreich. Also bei uns, hier in Europa. Wenn wir unsere Welt hier nicht retten können, wo dann? In Afghanistan?
    Ausbeutung. Die Starken beuten die Schwachen aus. Die Dicken und Hässlichen lassen sich das Geld geben, von den Jungen und Schönen. Die werden gleich zweimal ausgebeutet. Vom Zuhälter, der vielleicht ihr Onkel ist. Und vom Freier, der einer von uns ist. Mit Frau und Kindern. Der schaut aufs Geld. Deshalb mag er junge Romafrauen. Die sind billig. All inclusive. Flatrate.
    Die Starken beuten die Schwachen aus? Wie bei uns. Immer mehr Geld in der Hand von immer weniger Menschen. Die anderen müssen immer mehr arbeiten, um das überflüssige Zeug zu kaufen, das sie selbst produzieren. Zweimal ausgebeutet. Einmal von den Shareholdern, für die man arbeitet. Und nochmal von den Verkäufern, denen man zur eigenen Betäubung die Konsumgüter abkauft, die andere Ausgebeutete herstellen. Bei uns. Und anderswo. Aber unsichtbar. Wir lungern nicht auf der Straße herum, wir zeigen nicht, wie wir ausgebeutet werden. Wir lächeln und kaufen schicke Handys, damit alle sehen, wie gut es uns geht. Kein Wunder, dass wir arme Leute auf der Straße nicht sehen wollen. Die erinnern uns daran, was wir in Wirklichkeit auch sind.
    Wir sind alle Roma. Über uns ein König oder Kaiser, der für seine Sippe sorgt. Der allen Arbeit gibt und Partys schmeißt. Brot und elektronische Spielzeuge. Merkel für das Brot. Steve Jobs für die Spielzeuge. Das sind unsere Königinnen und Könige, lebendig oder tot. Sie bekommen dafür bedingungslose Gefolgschaft von der Sippe, also von uns allen. Da muss jeder und jede was beisteuern. Wie bei den Roma. Der eine sammelt Flaschen, die andere geht auf den Strich. Der nächste macht Musik. Und der übernächste ist noch geschickter und dreht ein großes Ding. Geht in den Knast. Für die Sippe. Mancher Roma-König stirbt am Ende jung. An Fettleibigkeit. Und Traurigkeit. Ausbeuter sein zu müssen, ist nicht schön. Ist er auch ein Ausgebeuteter? Bei Managern ist das dann der Burnout. Und bei uns allen? Wir gehen ins Fitnesscenter. Zwischen Schweiß und Duschdampf sieht man die Tränen nicht.
    Wer kann, rettet sich. Nicht alle Roma leben auf der Straße. Es gibt Roma-Anwälte, Roma-Unterhaltungsstars, Roma-Abgeordnete. Die sehen zu, dass sie nicht allzu deutlich als Roma erkennbar sind. Sie wissen schon warum. Wir sind die Meute, die sonst zubeißt. So wie auf der Straße, wo die Roma sind, die wir sehen und wahrnehmen. Wenn wir nicht wegsehen. Das tun wir meistens. Wir sind nicht zuständig. Mit unserer eigenen Ausbeutung beschäftigt. Oder damit, andere auszubeuten.
    Wer rettet die Welt? Wir sind nicht zuständig.
    Wer kümmert sich darum, die Roma vor dieser Welt zu retten? Dafür haben wir zuständige Profis, das machen wir nicht selbst. Wir geben den Bettelkindern keinen Euro. Die sollen in eine Schule gehen, irgendein Sozialprojekt, dafür spenden wir zu Weihnachten. Die EU hat eine Roma-Dekade ausgerufen. 10 Jahre, um diese kleine traurige Roma-Welt zu retten. Die Welt von 10 Millionen Europäern. Die Dekade ist nächstes Jahr um. Wieder ein verlorenes Jahrzehnt. Aber ein schöner Name, zugegeben. Und es gibt den Tag der Roma. Wenigstens EIN Tag ohne Wegsehen? Vielleicht doch EINMAL zuhören, die Musik genießen? Daran denken, woher die Menschen kommen? Warum es für sie schöner ist, sich in Deutschland halbnackt in der Fußgängerzone zu erniedrigen, als dahin zu gehen, wo es auch kein "Zuhause" gibt? Wo es vielleicht auch nur einen Pappkarton unter einer Brücke gibt, genau wie hier – nur dass hier wenigstens keiner scharf schießt auf diesen Pappkarton?

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