Liebe Leserinnen und Leser,

eigentlich machen wir uns ja mehr Sorgen darum, wer uns rettet, als dass sich einer darum schert, wie „Die Welt zu retten ist“. Spätestens wenn wir unsere Wohnungen verlassen, um auf die Straße zu treten, eröffnet sich uns eine Welt, an der wir erst mal vorbeilaufen, wenn wir ein bestimmtes Gesicht nicht kennen oder die Auslage in einem Geschäft nicht ansprechend finden. Sind wir dann erst mal in einer anderen Stadt oder zieht es uns aufs Land, führen wir uns schon wie Fremde auf. Geschweige wenn es uns gar über Grenzen zieht und wir in Urlaub als Deutsche auftreten dürfen. Je weiter wir von den Problemen entfernt sind, umso leichter wissen wir, wie das Übel in der Welt zu lösen ist. Ratschläge gibt es dann im Kilo, ungefragt, mit einem süffisanten Unterton vermischt. Ist die Welt noch zu retten?, fragen wir auch diesen Monat in der Gazette. Wie sehen das die Autoren?
    Thomas Wörtche ruft gar um Hilfe in seiner Kolumne Zu Hülfe, zu Hülfe … und findet diesen Plot-Ansatz so schwachsinnig, dass ihm allein ein Knusper-Riegel als perfektes Instrument erscheint, einmal so richtig dazwischenzufunken. Thomas Zorbach erinnert an die Voraussetzungen einer solchen Aktion, es muss ein Hinterzimmer geben, für einen Debattierclub, der sich ganz dem Ideenansatz verschreibt, was zu tun ist, wo das Aufbegehren neu gelernt werden müsste. Eberhard Nembach erinnert in Wer kann, rettet sich selbst. So wie die Roma daran, dass die Ausbeutung immer von den Starken ausgeht und wir uns alle am besten selbst retten und auf keinen Retter warten sollten. Michaela Hövermann hat sich in Lizenz zum Töten die Romane Gotteskrieger von Daniel Silva und „Der Mann, der niemals lebte“ von David Ignatius angesehen und kommt zu dem Schluss, dass eher die Demokratie nicht mehr zu retten ist. In Wir gegen die denkt die Welt dann gar nicht mehr darüber nach, ob sie noch zu retten ist, vielmehr ist sie froh, wenn die Menschheit sich endlich vernichtet hat, damit sie in Ruhe gelassen wird. In welcher Form auch immer. In Mechtild Borrmanns Story Aufnahme taucht der Wunsch auf, dass man das, was man gesagt hat, doch nur mit Neuem wegsprechen könnte. Vielleicht wäre auch der Welt mit neuen Sätzen geholfen?
    Es sind die großen Fragen, denen wir uns mit Hingabe widmen. Weil wir wissen, dass wir keine Antwort darauf haben und somit auch nichts falsch machen können. Zumal bei einer Frage zwanzig verschiedene Antworten zusammenkommen. Und manchmal ändern sich auch die Ansichten, der eine rückt von links nach rechts und umgekehrt. Und die Welt? Zieht ihre Bahn.

Liebe Grüße
Ihre
Polar Gazette