Gerechtigkeit im Krimi – ach ja?

von Thomas Wörtche

Kriminalromane, besonders in ihrer Darreichungsform als „Grimmi“, sind recht eigentlich ziemlich hausbackene Gesellen. Es wird gemordet, dann wird aufgeklärt, am Ende wird der Mörder gefasst. Das weiß man, bevor man anfängt zu lesen, und die Leidensfähigkeit, sich immer wieder und wieder auf dasselbe Schema einzulassen, ist bewundernswürdig. Denn der Grimmi muss ja in neunundneunzig Prozent der Fälle gut ausgehen, sonst hätte das eine Prozent, das nicht gut ausgeht, keinen sinnvollen Distinktionsgewinn gemacht.

Und angeblich möchte die pp. Leserschaft, dass es am Ende gut ausgeht. So wie bei einem Liebesroman. Kein Mensch liest Liebesromane, in denen sie sich nicht kriegen – naja, in einem Prozent der Fälle kann das passieren, dann war´s halt ein bitter-süßer Liebesroman. Und so liest angeblich kein Mensch gerne Kriminalromane, in denen sie den Schurken nicht kriegen. Rosafarbene Kitschschwärmerei, völlig okay, völlig legitim, auf der Liebesromanseite. Der hat schließlich ganz andere Intentionen, Ziele und Funktionen.

Gerechtigkeit auf der Seite des Kriminalromans? Naja, ein sehr politischer Begriff, philosophisch, ethisch, sozial und dementsprechend variabel, wenn man ihn genauer betrachtet. Aber das wäre ja zu kompliziert für den Krimileser, der Wellness will und fluffige Unterhaltung (wenn man dem Propagandagetrommel von interessegeleiteter Werbung & Marketing glaubt) und last but not least – absolute Gewissheiten. Vom Krimi wird – soll er massenhaft verkäuflich sein – verlangt, die Welt bitte sinnvoll erscheinen zu lassen. Und stabil. Und anständig nach Gut und Böse sortiert.

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