Hinter Glas

von Michaela Hövermann

In Patricia Highsmiths Roman Die gläserne Zelle gerät Philip Carter, ein unbescholtener Ingenieur und Akademiker, unschuldig in die Mühlen der Justiz. Im Gefängnis wird er Opfer von Terror, Folter und Verstümmelung. Noch vor seiner Entlassung wird er schließlich selbst zum Mörder und kommt später mit einem Kapitalverbrechen ungeschoren davon.
    Einen anderen Weg schlägt die zu unrecht verurteilte Protagonistin in Die Affen von Cannstatt von Christine Lehmann ein: Camilla Feh, als leibliche Tochter einer mutmaßlichen mehrfachen Kindsmörderin vorverurteilt, nimmt nach ihrer Haftentlassung ein Jurastudium auf. Sie wird die Spielregeln des Systems am Ende bis zur Perfektion beherrschen.
    Die Haft macht aus einem sensiblen Familienvater einen abgestumpften Verbrecher und aus einer in ihrer Identität verunsicherten Frau eine kompetente Juristin. Beide gelangen zur der Erkenntnis, dass Gerechtigkeit etwas ist, was am Ende nur sie selbst herstellen können – wenngleich sie sich auch für unterschiedliche Seiten entscheiden.

Gewalt, Angst

New York 1964. Philip Carter unterschreibt arglos ein paar Quittungen für seinen Vorgesetzten und wandert für dessen Betrügereien in den Knast. Sein Glaube an Recht und Gerechtigkeit verliert sich im Gefängnisalltag zwischen dem striktem Reglement der autoritären Institution und immer wiederkehrenden Schikanen. Er beherrscht die Spielregeln nicht. Kurz nach seiner Inhaftierung wird er unter dem Vorwand der Regelverletzung von sadistischen unterprivilegierten Aufsehern gefoltert, die ihn an den Daumen aufhängen und damit irreparable Schäden hinterlassen. Morphium ist das Einzige, was den unerträglichen Schmerz zumindest temporär dämpfen kann. Die von Gefängnisarzt verschriebene Droge wird Segen und Fluch und führt geradewegs in die Abhängigkeit.
    Die Briefe und Besuche seiner Frau Hazel – seine einzige Verbindung zur Außenwelt – halten ihn aufrecht. Anfangs besteht noch die zumindest vage Hoffnung, dass der Justizirrtum aufgedeckt werden und er wieder freigelassen werden könnte. Doch alle Versuche, ihm mit Hilfe eines Anwalts Beistand zu leisten, scheitern.
    Im Laufe der Zeit stumpft Carter mehr und mehr ab, wird schließlich eins mit der kaum unterscheidbaren Masse der Häftlinge in ihren fleischfarbenen Sträflingsanzügen. Erst die Freundschaft zu seinem Mitinsassen Max gestaltet das Dasein etwas fröhlicher, zumindest für kurze Zeit. Sie sprechen Französisch, tauschen Bücher und Hazel wird nicht von ungefähr hellhörig, als Max in den Erzählungen ihres Gatten einen immer breiteren Raum einnimmt. Emotional geht die Verbundenheit zwischen den Männern möglicherweise sogar über freundschaftliche Gefühle hinaus. Zu einer Vertiefung ihrer Beziehung kommt es jedoch nicht mehr: Max wird bei einer Häftlingsrevolte getötet. Und Carter dreht vollkommen durch. In seinem Jähzorn erschlägt er einen Mann, ohne sich darum zu kümmern, ob er wirklich den Mörder erwischt. In diesem Moment sind sie für ihn alle gleich, einer wie der andere haben sie den Tod verdient … 

     weiterlesen