Am Nullpunkt

von Jörg Walendy

Als sich die Zellentüren das erste Mal hinter Massimo Carlotto schlossen, schien er am Ende zu sein. Er war ein Niemand. Nur einer von vielen jungen und linksidealistischen Wirrköpfen im Italien der 1970er Jahre. Seine Autobiographie Der Flüchtling  ist eine brutale Abrechnung mit dieser verlorenen Zeit, gerade weil sie im Ton so leicht erzählend daherkommt. Die italienische Justiz hat ihre Rolle während der anni di piombo jedenfalls nicht unbeschadet überstanden und sich nicht zuletzt nach der späten Begnadigung Carlottos durch den Staatspräsidenten gewandelt.
     Hinter Gittern Massimo Carlotto, der festgenommen wurde, als er den Mord an einer jungen Studentin anzeigen wollte. Schnelle Verurteilung und Haft. Dann seine Flucht bis nach Mexiko. Zum Ende hin wieder Haft und erst nach fünfzehn langen Jahren die Erlösung. Carlotto scheint zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Und das auch noch mit der falschen Gesinnung. Sein Ringen um Wiederaufnahme und Rehabilitierung ist eine packend erzählte Geschichte. Er skizziert in Der Flüchtling in einer einfachen und ganz lakonischen Weise die Auswirkungen seines Verfolgungswahns.
     Es kann aber auch in dramatischer Art und Weise in die andere Richtung gehen. Nach dem Abbruch der Wahlen 1991/ 1992 wurden in Algerien tausende von Parteigängern der Front islamique du salut für Jahre in Lagern in der Süd-Sahara interniert – unweit der strahlenverseuchten Dünenlandschaft von Reggane, in welcher Frankreich noch bis ins Jahr 1962 von atomarer Größe träumte und oberirdische Tests veranstaltete. Die Häftlinge waren – genau wie Carlotto – junge Männer. Manche orientierungslos, manche maßlos, manche auf die schnellen Heilsversprechen ihrer Zeit hoffend. Les universités du terrorisme werden die Lager in der Wüste genannt und wer weiß, welchen Weg das Land eingeschlagen hätte, wenn es sich nicht für die nur oberflächlich einfache Lösung einer Haft im Sand entschieden hätte. Unstreitig begann das wirkliche Grauen erst, als die Gefangenen wieder entlassen wurden und manche von ihnen in den Untergrund gingen. Ihre Geschichte wirkt eher abstoßend und ist vielleicht sogar einer der Gründe, warum es selbst einem amtierenden Friedensnobelpreisträger nicht gelungen ist, Guantánamo aufzulösen. Denn – so könnte man in zynischer Weise fragen – wer will sich schon mit Menschen auseinandersetzen müssen, die erst in Jahren der Haft zu den Gegnern wurden, für welche man sie ursprünglich hielt? Wenn es eine Parallele zu Carlotto gibt, dann die, dass das eigentliche Drama erst nach der Festnahme beginnt.

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