Von den Mythen, die wir so sehr lieben.

von Wolfgang Franßen

Der Erfolg von House of Cards unterstreicht unser skurriles Verhältnis zur Demokratie.  Wir halten den Gedanken hoch, dass es so etwas wie Demokratie geben kann, und sehen uns durch Skandale ernüchtert. Wen kratzt’s. Es sind zu viele. Wir alle doch nur Menschen. Wenn Francis J. Underwood, Master Player des Strippenziehens, sich in den Fluren des Senats an uns Zuschauer wendet, um uns jeglichen Vertrauens in Politiker zu berauben, bestätigt er nur das, was wir sowieso schon immer wussten: Uns Menschen, egal welcher Ausrichtung, geht es um Macht und wie wir sie schnellstmöglich erreichen, um sie auf ewig abzusichern. Gleichermaßen in Abwandlung von Woody Allens berühmtem Filmtitel Everything You Always Wanted to Know About Sex , But Were Afraid to Ask demaskiert Francis J. Underwood unsere politische Fata Morgana. Aber gibt es eine Alternative zum Wählengehen? Werfen wir Nichtwählern nicht allzu gerne vor, dass sie mit ihrer Verweigerung der Linken, der Rechten oder wem auch immer an die Schalthebel der Macht verhelfen? Schließlich ist es doch egal, ob Politiker ihre Versprechen halten? Es geht rein um den Mythos.
    Gibt es etwa eine Alternative zum Arztbesuch? Egal, ob wir später als Versuchskaninchen im Koma enden. Gibt es für einen Kriminellen einen besseren Ort als hinter Mauern und Stacheldraht? Am besten im Streifenanzug und mit Nummer auf der Brust, damit wir uns auch von ihm unterscheiden. Gibt es eine Alternative zur gesellschaftlichen Ächtung, zum Gefängnis? Egal, ob einer als noch größeres Monster wieder auf die Menschheit losgelassen wird.  Es kommt auf den Mythos an, den Glauben daran. Eine Demokratie ohne Gefängnisse ist nicht vorstellbar.
    Autoren haben sich den engen Raum einer Zelle immer wieder zunutze gemacht, um Schicksale dramatisch aufzuwerten. Nicht erst seit Bob Dylans Song Hurricane und Nelson Algrens Roman Calhoun wissen wir, dass wir aufpassen müssen, dass es durchaus vorkommt, dass wir unschuldig weggesperrt werden. Ganz zu schweigen von den Heerscharen unglücklich Verstrickter, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort auftauchten. „Ich bin unschuldig“. Wer hat nicht selbst schon mal mit diesem Satz gelogen? Und wenn tatsächlich? Es ist ein elendig langer Prozess, die öffentliche Meinung vom Gegenteil der Schuld zu überzeugen. Wenn am Ende des Serienmörder-Mainstream-Krimis das psychisch Kranke, der menschliche Auswurf überlebt, muss er weggesperrt werden. Sonst lautet die erste wie letzte Regel: Erschießt das Schwein oder lasst es im Verlies seiner perversen Gedanken verrecken.
     Nicht nur, dass unsere Gefängnisse überfüllt sind – insbesondere amerikanische, mexikanische, afrikanische, russische, bei unseren eigenen ist natürlich alles in bester Ordnung –, wir wundern uns auch jedes Mal, wenn jemand rückfällig wird. Warum? Das Leben ist nicht einfach. Mitunter hart. Aber wir anderen meistern es doch auch. Warum kommt so einer nach den Jahren hinter Gittern nicht zur Vernunft? Die Freiheit ist doch so kostbar. Einer wie Kyle Nevin. In Paria von Dave Zeltserman hat er nichts als Rache im Sinn, nur weil ihn Red Mahoney ans Messer geliefert hat. Das ist doch der reinste Irrsinn. Schon mit dem ersten Satz der Geschichte befällt uns ein komisches Gefühl, ist klar, das geht nicht gut aus. Dabei hätte Kyles Bruder es beinah geschafft. Der hat gelernt, den Kopf einzuziehen. So muss es doch sein. Oder?

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