Der geniale Zetteltrick

von Horst Eckert

Leo Kösters Hände zitterten, als er die Zigarette anzündete. Er zwinkerte seinem Sohn zu. „So sehen die Typen aus, die’s nicht schaffen, bei der Polizei unterzukommen.“
    Der Wachmann schlenderte ihnen entgegen, ein junger Kerl mit aufmerksamem Blick – er erinnerte Leo an die Zeit, als er Uniformen und Waffen noch für Insignien der Würde gehalten hatte.
    Dani fragte: „Passt der Mann auf, dass keiner die Euros klaut?“
    Der Wachmann lächelte. Trotz der Hitze trug er seinen schwarzen Lederblouson, dazu das Holster an der Hüfte, ein Walkie in der Hand. „Nicht ich allein. Die Landeszentralbank hat den sichersten Tresor in ganz Europa.“ Er wandte sich an Leo. „Wie alt ist der Junge?“
    Leo verbarg die Zigarette hinter dem Rücken – er zeigte Fremden seinen Tremor nicht gern. „Elf.“
    Sein Sohn zerrte ihn weiter, als ob es Dani nicht geheuer war vor dem mit glänzendem Granit verkleideten Hochhauskomplex. Als sie um die Ecke bogen, erkannte Leo die Einfahrt. Ein zweiter Pistolenträger wippte vor dem Tor auf den Fußspitzen, er trug über dem Bierbauch nur das weiße Hemd mit der billigen, grauen Krawatte. Im Pförtnerhäuschen saß ein weiterer Wachmann und telefonierte.
    Dani quengelte: „Du hast versprochen, dass wir noch zu Unbehaun fahren.“ Es war Sonntag, Besuchstag – acht Stunden pro Woche durfte Leo seinen Sohn sehen. Das Eiscafé gehörte seit Monaten zum Programm. Doch Leo zögerte.
    Der Transporter bog aus der Berliner Allee in die Marienstraße. Heftig stieß Leo den Rauch seiner Filterlosen aus. Auch Dani starrte jetzt auf den Panzerwagen – dreiachsig, grünweiß lackiert, gefolgt von zwei grünen Geländewagen der Marke Mercedes, die ebenfalls gepanzert waren und den Kollegen aus Berlin gehörten. Soviel Leo wusste, war das die letzte Fuhre mit den neuen Banknoten aus der Bundesdruckerei. Das Stahltor glitt auf, die schweren Flügel liefen in gut geschmierten Schienen und falteten sich links und rechts der Einfahrt zusammen. Der Dicke winkte den Transporter durch und überprüfte, ob sein Hemd richtig in die Hose gestopft war, als sei er dem neuen Geld eine bella figura schuldig.
    Eine Milliarde, dachte Leo – je nach Stückelung konnte das die Summe sein, die gerade im Inneren der Düsseldorfer Landeszentralbank verschwand. Eintausend Millionen Euro in Scheinen, die noch kein Mensch berührt hatte. Das Einhundertsiebenundsechzigfache wartete republikweit auf den größten Geldumtausch der Geschichte.
    Der Kurze griff nach Leos Linker. „Du hast es versprochen.“
    Leo schnippte die Kippe auf die Straße. „Nur noch ein paar Wochen, Dani. Dann machen sie Papa gesund und uns kann niemand mehr trennen.“

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