Damenwahl, letal

Eine Kriminalgeschichte / Von Friedrich Ani

Eine Stunde früher als erwartet betrat Esther Grohe am Samstag, 20. Dezember, die Lobby des Marriott Hotels. Sie ließ ihren Rollkoffer etwa zwei Meter vor der Rezeption stehen und ging auf eine Frau zu, die sie bereits zu erwarten schien.

        „Bin ich bei Ihnen richtig?“ Esther Grohe trug einen schwarzen Wollmantel, darunter einen schwarzen Rollkragenpullover und schwarze Jeans. Die blonden Haare hatte sie mit einer schwarzen Spange gebändigt, ihr schmales Gesicht sah weiß, beinah wächsern aus.

         „Mein Beileid“, sagte die Frau hinter dem Tresen. Sie war Front Office Manager des Hotels und damit Chefin der gesamten Administration und zuständig für praktisch alles, was sich im Haus bewegte, vom Koffer über den Wagenmeister bis zum nervtötenden Gast, der angeblich seine Kreditkarten verloren hatte und jedes Zimmermädchen beschuldigte.

        Birgit Felts war die Ruhe in Person. Obwohl sie erst neununddreißig war, kannte sie das Hotelgewerbe seit zwanzig Jahren, und was ihre Stammgäste betraf, so war sie mit deren Gewohnheiten und Ticks besser vertraut, als diese jemals erfahren würden.

         Die blonde, schwarz gekleidete Frau, die vor ihr stand, war kein Stammgast. Trotzdem hatte Birgit Felts sie beim Hereinkommen sofort erkannt und den eigentlich zuständigen Kollegen an der Rezeption von seinem Platz verscheucht. Birgit schaffte das so souverän und lächelnd, wie sie einem Gast erklärte, dass er, wenn er seine Kreditkarte verloren hätte, mit der EC-Karte oder in bar bezahlen müsse.

         „Wieso Beileid?“ Esther Grohe formte ihre Lippen zu einer grimmigen Schnute, die Birgit sofort kindisch fand.

         „Verzeihen Sie das Missverständnis“, sagte die Managerin. „Sie haben ein Zimmer gebucht?“

         „Selbstverständlich.“

         369, dachte Birgit Felts.

         „Ein Einzelzimmer für zwei Nächte, auf den Namen Grohe, Esther.“

         „Herzlich willkommen, Frau Grohe, schön, dass Sie sich für uns entschieden haben. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in der Stadt.“

         „Den werd‘ ich haben. Welche Nummer?“

         „369“, sagte Birgit Felts und lächelte und schob der Frau das Anmeldeformular hin, legte einen silbernen Kugelschreiber daneben und lächelte weiter.

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