Alptraum für Klaustrophobiker

von Thomas Wörtche

Das Gefängnis ist „die große Niederlage der Strafjustiz“. Es trägt nicht zur Verminderung der Kriminalität bei, es produziert notwendigerweise Delinquenz, weil sein ganzer Betrieb auf Machtmissbrauch basiert. Die Verwaltung agiert willkürlich, die Wärter sind korrupt oder inkompetent, meistens beides. Die Häftlinge werden durch Zwangsarbeit ausgebeutet. Das Projekt der „Besserung“ der Insassen ist schon immer Ausdruck von grobem Zynismus, denn eine „totale und asketische Institution“ (wie es in Louis Pierre Baltards „Architectonographie des prisons“ von 1829 heißt) kann nur als theoretisches Prinzip funktionieren.
    Sie haben es gemerkt – diese Thesen und Beschreibungen sind eine sehr verkürzte Paraphrase einiger Überlegungen, die Michel Foucault in seinem Klassiker „Überwachen und Strafen“ über das Wesen von Gefängnissen (deswegen heißt der Untertitel auch: La naissance de la prison, also  Die Geburt des Gefängnisses) anstellt.
    Wenn ein „Verbrecher“ gefasst und verurteilt, also „der Gerechtigkeit“ übergeben wird, wird er selbst zum Opfer einer „Freiheitsberaubung“ und tritt gleichzeitig in die hochspezialisierte „Hochschule des Verbrechens“ ein, wie es der Schriftsteller, Räuber, Mörder und Attentäter Pierre-François Lacenaire formuliert hat. Die er dann, falls er nicht in der Death Row sitzt oder lebenslänglich in angeblich ausbruchssicheren high security-Einrichtungen, „draußen“ zur ersprießlichen Anwendung bringen wird. Und natürlich wird er keinesfalls akzeptieren, „gerechterweise“ im Knast gelandet zu sein.
    Wobei wir bei der Literatur und anderen Fiktionen zum Thema wären. Obwohl – Knastromane sind nicht unbedingt diskursive Beiträge zu Debatten über Recht, Gerechtigkeit und andere Abstrakta mehr.
    Obwohl natürlich gerade die Kriminalliteratur ein Austragungsort für solche Debatten sein kann. Wie geht das zusammen?
    Weil Knäste interessante Orte sind. Orte, von denen man dringend weg will, raus, flüchten, ausbrechen. Das ist schon bei Casanovas betrüblichem Aufenthalt in den Bleikammern von Venedig so und beim „Graf von Monte Christo“ (irgendwie die Mutter aller Ausbrechernarrative) bis hin zu „Out of sight“ von Elmore Leonard und auch Doc McCoy in Jim Thompsons „The Getaway“ will nur raus aus dem Knast, um schnell wieder Verbrechen begehen zu können. Die Eingangssequenz von Sam Peckinpahs Verfilmung ist – obwohl es sich nicht um einen Ausbruchsplot handelt – doch eine Art autoritativer Kommentar zur Knastroutine, der durch die Zwischenschnitte auf Rotwild noch prononcierter wird.
    In Michaela Karls großartiger Biographie von Bonnie & Clyde („Ladies & Gentlemen, das ist ein Überfall“) wird klar, wie sehr die Angst vor dem Gefängnis (oder vor den brutalen Zuständen in den chain gangs und boot camps der 1930er Jahre) und das Versprechen, Kumpels herauszuholen, zum Motor stets neuer und riskanterer Verbrechen wird. Ein Verhaltensmuster, das auch in Michael Manns comicartigem Gangsterfilm „Public Enemies“ zentral ist. Johnny Depp als John Dillinger bewegt sich aus Knästen und in Knästen und richtig blutig wird die Angelegenheit, wenn er seine Kumpane rausholt oder selbst vermeiden möchte geschnappt zu werden. Man muss es nicht extra sagen: Das Gefängnis ist kein Ort, an dem moralische Genesung, gar Besserung erwartet wird. Es ist der ultimative Ort, an dem man nicht sein will. Als Ort der Kontemplation und Reflexion dient es seltener, obwohl man schon darüber nachdenken könnte, warum sich aus Antonio Gramscis „Gefängnistagebüchern“ eine Art Proto-Theorie Populärer Kultur herauspräparieren lässt.

     weiterlesen