Liebe Leserinnen und Leser,

in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung behauptete Willem Dafoe, dass die intensivsten Momente im Leben oft jene seien, in denen man Grenzen überschreite – und wenn man das auf der Leinwand zeigen wolle, seien Gewalt und Verbrechen oft der beste Weg. So viel zum Leben eines Schauspielers. Wenn sie nicht unbedingt reale Ereignisse nachspielen wollen, in denen Gewalt und Verbrechen profane Gründe haben, hüten Sie sich vor dem Gesetz. Gründe, es zu überschreiten, gibt es viele. Der eine will das Geld des anderen, der andere nur, dass der eine einfach tot ist, weil ihm seine Nase nicht passt. Verbrechen gründen zumeist nicht in einem einzigen Verbrechen. Soweit die landläufige Binsenweisheit. Es wurzelt zumeist tief in der Vergangenheit und wird vor den Richtern dieser Welt zur Strafverschärfung oder –milderung herangezogen. Wer am Ende Recht behält, hängt von der Eloquenz der Verfechter der jeweiligen Seite ab. Und danach? Wie sieht es mit der Bestrafung aus? Die Aprilausgabe der Polar Gazette beschäftigt sich mit Gefängnissen.
    In Horst Eckerts Story Der geniale Zetteltrick gibt es einen triftigen Grund für einen Gesetzesverstoß: einen Geldtransporter voller neuer Banknoten aus der Bundesdruckerei. Leo, ein sechsunddreißigjähriger Polizist, leidet an Parkinson und entdeckt plötzlich seine Chance, mittels Stammzellen von Embryonen im Ausland seinem Leiden eine Linderung zu verschaffen. Wie die Mühlen des Gesetzes greifen, beschreibt Thomas Wörtche in seiner Kolumne Alptraum für Klaustrophobiker, verweist auf Michel Foucault und erinnert an Doc McCoy und die Faszination für den Outlaw bei Romy Schneider. Was aber hat es mit diesen Gefängnissen auf sich, die uns in Sicherheit wiegen, so dass nichts ungesühnt bleiben darf? Gehören sie nicht auch zu den Mythen, die wir so sehr lieben? Vermögen sie am Ende überhaupt das zu halten, was sie großmäulig versprechen? Jörg Walendy erinnert in seinem Essay Am Nullpunkt an Massimo Carlotto und die italienische Justiz während der anni di piombo, als Carlotto erst die Flucht ergriff, um dann unschuldig hinter Gittern zu sitzen.
    Wenn in unsere Wohnung eingebrochen wird, der Wagen plötzlich nicht mehr da steht, wo wir ihn abgestellt haben, wenn Kinder spurlos verschwinden, Waffenschieber politische Spannungen ausnutzen, dann schreien wir nach dem Gesetz. Dann können die Mauern nicht hoch genug, die Wachleute nicht scharf genug bewaffnet sein. Dann heißt es Auge um Auge. Vom Zahn ganz zu schweigen. Dann ist es egal, ob es überhaupt einen Sinn macht, jemanden einzusperren. Dann heißt es handeln. Nicht klein beigeben. Hallelujah

Liebe Grüße
Ihre
Polar Gazette