„Die erstarrte Wut der rebellischen Steine“

Packender Politthriller im radikalen Milieu

von Michaela Hövermann

Fremdenhass, Folter, Krieg: In seinem polar „Djemila“ (1988) wirft der französische Autor Jean-François Vilar einen verstörenden Blick hinter gepflegte Fassaden und zwingt zur Auseinandersetzung mit einem verdrängten Kapitel der jüngeren französischen Geschichte.

 Jean-François Vilar, geboren 1947 in Paris, zählt zweifellos zu den Meistern des roman noir. Nach einem Jura- und Philosophiestudium war er sechs Jahre lang als Feuilleton-Redakteur der linksradikalen Zeitung "Rouge" tätig. Vilars politische Überzeugung spiegelt sich in seinen gesellschaftskritischen polars. Allen gemeinsam ist ein spezifischer Blick auf Politik und Geschichte. Insgesamt gehen zwölf Erzählungen, neun Romane und zwei Jugendbücher auf sein Konto.

 „Djemila“ erschien 1988 als eigenständiger Roman im französischen Calmann-Lévy-Verlag und 1989 erstmals in deutscher Übersetzung bei Beck & Glückler. Geschickt verknüpft Jean-François Vilar darin den simplen Ladendiebstahl einer Algerierin mit den von einem französischen Veteranen begangenen Gräueltaten innerhalb des Algerienkriegs (1954-1962). Am Beispiel zweier Figuren  holt er ein Stück weithin verdrängte, dunkle Vergangenheit aus der jüngeren französischen Geschichte in den unmittelbaren Fokus der Gegenwart und treibt die Lesenden aus ihrer Komfortzone. Mitten hinein in die bislang höchstens bruchstückhaft erfolgte Auseinandersetzung mit unvorstellbaren Verbrechen, mit Verantwortung und Schuld.

 All das geschieht in knapp gehaltenen Absätzen, mit oft ironischem, stets hartem und realistischem Ton. Anders als in konventionellen Kriminalromanen stehen hier nicht – oder zumindest nicht ausschließlich – die Überführung des Täters oder die Beleuchtung individueller Motive im Zentrum. Vielmehr offenbart sich die kriminelle Handlung in der Gegenwart als Resultat und trotziges Echo eines sehr viel größeren, tabuisierten, totgeschwiegenen Verbrechens der Vergangenheit.  Gut und Böse, Recht und Unrecht – ein Denken in klar abgrenzbaren Kategorien erweist sich in diesem zutiefst realistisch konstruierten Geflecht als unmögliches Unterfangen. 

 "Djemila" ist nicht nur stilistisch eine Sensation. Es ist ein Buch von ungeheurer inhaltlicher Wucht, das nichts von seiner Brisanz und Aktualität verloren hat.

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