Nachrichten von immer neuen Verbrechen beherrschten die Schlagzeilen; das Leben in unter Gangsterbanden aufgeteilten Städten – oder zumindest das Wissen um die dortige Situation – war ein Stück Alltagsrealität. Das Verbrechen fand gewissermaßen vor der Haustür statt. Das führte dazu, dass das Lesepublikum nach neuen Identifikationsfiguren verlangte. Dem trug das 1920 von Henry L. Mencken und George J. Nathan gegründete Pulpmagazin „Black Mask“ Rechnung, besonders, nachdem 1926 Joseph T. Shaw das Ruder übernommen hatte.
     Autoren wie Carroll John Daly, Raoul Whitfield, James M. Cain, Dashiell Hammett und Raymond Chandler konnten als Schreiber gewonnen werden. Unter Shaws strikter Ägide kristallisierte sich schließlich in ihren Short Storys ein neuer Heldentypus heraus: der hartgesottene Privatdetektiv, der in der düsteren Realität der Großstadt gegen Bares Fälle löst und Recht und Gesetz flexibel nach eigenem Gutdünken auslegt. Dabei manövriert der Privatdetektiv in gesetzlichen Grauzonen, greift zu Gewalt oder auch zu Selbstjustiz.
     Vor allem der namenlose „Continental Op“ Dashiell Hammetts resigniert in den aus der Ich-Perspektive verfassten hard-boiled Erzählungen angesichts des erlebten gesellschaftlichen Verfalls. Gerechtigkeit herzustellen, ist selbst in seinem unmittelbaren Einflussbereich unmöglich, Politik und Kriminalität untrennbar verknüpft. Übrig bleibt das dem System ohnmächtig ausgelieferte Individuum, das hinnehmen muss, was nicht zu ändern ist.
     Raymond Chandler lobt in seinem Essay „Die simple Kunst des Mordens“ (1944) Hammetts besonderen Realismus: Er „brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück, die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur, um dem Autor eine Leiche zu liefern […]. Er brachte diese Menschen aufs Papier, wie sie waren, und er ließ sie in der Sprache reden und denken, für die ihnen unter solchen Umständen der Schnabel gewachsen war."   

 

Abgebrühte Zyniker und „letzte Ritter“: Der einsame Großstadtdetektiv

Im Gegensatz zu Hammett verklärt Raymond Chandler seinen Protagonisten allerdings als „letzten Ritter“, der durch die mean streets der verdorbenen Großstadtviertel zieht, dem kriminellen Milieu trotzt und zumindest innerhalb seiner Möglichkeiten nach wie vor Recht und Gerechtigkeit walten lässt. Damit unterläuft er selbst ein Stück weit den gelobten Sinn für Realismus. Philip Marlowe ist bewusst als Lichtgestalt, als Synonym für Moral, Ehre, Aufrichtigkeit und Anstand konzipiert. Gegenüber dem kleinen, untersetzten namenlosen „Continental Op“ Dashiell Hammetts ein Rückschritt.
     Dennoch gilt Chandlers Detektiv Philip Marlowe, der erstmals in „Der große Schlaf“ (1939) in Erscheinung tritt, als Prototyp des knallharten, unbeirrbaren und unbestechlichen Einzelgängers und Gattungsvertreters des hard-boiled-Detectives: Hieb- und trinkfest und aufgrund seiner Unbestechlichkeit und seines unbeirrbaren Gerechtigkeitssinns chronisch knapp bei Kasse, stellt er sich Gesetzesbrechern mit Faust und Verstand entgegen.

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