Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.“ – Friedrich Dürrenmatt

Abgebrühte Privatdetektive, manipulative Femme Fatales und organisierte Gangsterbanden

von Michaela Hövermann

Hard-boiled und Roman noir

In den 1920er und 1930er Jahren entwickelte sich – bedingt durch die Zeit der Prohibition und der Weltwirtschaftskrise – in den Vereinigten Staaten mit dem hard-boiled-Genre ein echter Großstadtroman. Anders als in britischen Krimis steht nicht länger ein gebildeter, smarter Detektiv wie Sherlock Holmes, Miss Marple oder Hercule Poirot im Zentrum der Handlung, sondern ein desillusionierter, vom Leben gezeichneter Privatdetektiv, der vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckt und sich und seine Grundsätze in einer moralisch verfallenen, von Korruption durchtränkten Gesellschaft behaupten muss. Als Pionier des Genres gilt Carroll John Daly. Begründer und namhafte Vertreter sind vor allem die großen Drei: Dashiell Hammett, Raymond Chandler und James M. Cain.
     Hard-boiled-Kriminalromane durchbrechen das enge Korsett der eher betulich und realitätsfern angelegten britischen „Whodunit“-Rätselkrimis, in denen das Verbrechen als Ausnahmefall und Störung der gesellschaftlichen Ordnung erscheint. Stattdessen findet die amerikanische Großstadtrealität Eingang in die Fiktion. In dieser sich rasant verändernden, immer anonymer und unüberschaubarer werdenden Sphäre sind das organisierte Verbrechen, Korruption und Dekadenz an der Tagesordnung. Eine moralisch erstrebenswerte Ordnung, die im Zuge der Aufklärung des Verbrechens durch den Helden wiederhergestellt werden könnte, existiert nicht. Vielmehr ist es ein Kampf, der letztendlich nicht gewonnen kann.
     Auch sprachlich macht sich der Wandel bemerkbar: An die Stelle wohl formulierter Dialoge treten die abgebrühte Sprache der Straße, Zynismus, Ironie und Jargon. Das ausschweifende Monologisieren des Helden weicht einer knappen, pointierten Ausdrucksweise, die sich durch Schlagfertigkeit, spitze Bemerkungen und sarkastische Sprüche auszeichnet. Oft bleibt das die einzige Waffe, etwa, wenn der Privatdetektiv – üblicherweise ein Einzelkämpfer – in einer ausweglosen Situation bestehen muss.
     Ausgiebige Analysen des Detektivs werden durch Action ersetzt: Konfrontationen, Kämpfe in Bars und Verfolgungsjagden halten die Leser in Atem.    

 

Die Geburt des organisierten Verbrechens

Der Prohibition –  am 16. Januar 1919 in den USA unter Präsident Woodrow Wilson ratifiziert – ist die erste große Blütezeit des organisierten Verbrechens und damit auch der reale gesellschaftliche Hintergrund der hard-boiled-Romane zu verdanken. Statt Kriminalität und Korruption zu senken und zu einer moralischen Gesundung der USA beizutragen, führte die staatlich verordnete Alkohol-Abstinenz zu einem Boom von Schwarzbrennereien, Schmuggel und Bandenkriegen. In Großstädten wie New York, Chicago und Los Angeles machte sich ein Klima der Gesetzlosigkeit breit. Speakeasys, die berühmten „Flüsterkneipen“ mit Luke an der Hintertür, explodierten, und die Gewaltverbrechen verdoppelten sich. 

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