Qui tue qui?

von Jörg Walendy

Der gute Ermittler trägt es auf den letzten Seiten mit sonorer Stimme vor. Alle Verdächtigen aus den ersten Szenen stehen um den gedeckten Wohnzimmertisch. Die Uhr tickt. Regen prasselt gegen die Scheiben. Das Kaminfeuer brennt und löst ein wenig den alt-englischen Dunst auf, der durch die Wände des Gemäuers kriecht. Dann wird das deduktive Puzzlespiel gelöst und klar wird, wer es war, der ganz zu Beginn der Geschichte den Schuss auslöste, das Gift träufelte oder das Messer führte. Die Szene endet meist noch mit der Festnahme. Gewalt ist nicht im Spiel. Warum auch – die Logik hat den Fall gelöst und der Ermittler fasziniert durch gespielte Schrulligkeit und eine brillante Analyse. Da ist es fast egal, ob es sich um einen braven Landesbeamten aus Münster oder einen älteren Mann im Regenmantel handelt.
     Eine Leiche. Wenige Personen. Alles am besten an einem isolierten Ort. Einer wird es gewesen sein. Jeder könnte der nächste sein. Der klassische „Whodunit“ wirkt mitunter staubig und bunt. Dabei ist er in erster Linie ein Denkspiel. Die Grenzen zu ganz anderen Genres sind da fließend. Sherlock Holmes Criminal-Cabinet ist in Deutschland im Jahr 1985 das „Spiel des Jahres“ gewesen und es wurde erst unlängst in Frankreich neu aufgelegt. Die Spieler wälzen sich durch Einzelhinweise im Sachverhalt und suchen in fiktiven Zeitungsausschnitten und Adressbüchern nach weiteren Spuren. Auch hier ist keinerlei Gewalt im Spiel. Nur der Wunsch, das Rätsel um die „Themsemorde“ zu lösen und ganz am Ende festzustellen, dass man den Finsterling entlarvt hat. Meistens gibt der Täter den Mord dann auch zu, wenn er argumentativ in die Enge getrieben wird. Obwohl – beliebt bleibt der Selbstmord des entlarvten Vorerbens, etwa durch einen Sprung aus dem Fenster oder Einnahme des eigens dafür mitgebrachten Gifts.
     Das Genre wirkt also „befreiend“. Ist der Krimi gut geschrieben, dann atme ich auf, reibe mir die Augen und stottere verwundert. „Was?“ – „Der ist es gewesen??“ – „Ach, verdammt. Jetzt macht  alles erst Sinn.“ War der Text eher durchwachsen, dann fühle ich mich zumindest in diesem Urteil bestätigt und sage mir, dass ich es ja gleich gewusst habe. Whodunit? Am Ende siegt  nicht immer die Gerechtigkeit, aber wenigstens kenne ich als Leser endlich die Wahrheit. Und das ist schon ein Wert an sich. Die Frage „wer hier wen getötet hat“, sie ist beantwortet und ich muss mich nicht mit dem Ärgernis der Ungewissheit herumschlagen. Alles scheint wiederhergestellt. Das muss auch so sein, denn geisteswissenschaftlich liegt dieser Form der Ermittlung die „Abduktion“ zu Grunde. Alle Opfer stammen aus einem Waisenhaus in Lincolnshire. Einer der Verdächtigen stammt aus dieser Gegend. Der Verdächtige könnte also der Täter sein …  „Könnte“ aber eben nur. Er muss nicht. Fast zwangsläufig muss die Geschichte also bis zum ihrem Ende auserzählt werden, damit wir es erfahren.

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