Her mit der Theorie. Weil das Entertainment sich allmählich  selbst zu fressen beginnt.
     Doch die Frage taucht auf: Und jetzt? Was kommt? Da gibt es die Jahrtausende alte Tradition des Erzählens, Geschichten, die es immer schon gab und die in immer wieder neu aufkeimender, leicht veränderter Form aufgewärmt werden. In der modernen Welt der Kurzformen. Die Information plündert die Welt aus, damit sie nicht mehr friedlich über einen Ticker gesammelt wird, sondern in Echtzeit ins Netz gehört und sich niemand mehr dafür interessiert. Nie zuvor waren wir in der Lage, uns selbst so schnell als Foto um die Welt zu schicken.
     Das ist doch besser als jede Theorie. Da muss man doch nicht gleich mit Neil Postman schreien Wir amüsieren uns zu Tode.
     Eine Theorie muss her, damit wir uns rechtfertigen, warum wir so sind, wie wir sind und ausgerechnet Krimis lesen, damit wir den Krimi aufwerten, damit er Bestand hat!
     Denn das Genre hat was Gemeines. Er genügt sich selbst. Er verschafft sich ein Umfeld, in dem ein Verbrechen passiert, in dem es gerecht oder ungerecht zugeht. Alles ist klar. So wünschen wir uns das Paradies. So einem Genre muss man literaturwissenschaftlich mit Misstrauen begegnen. Vor allem, wenn es von sich behauptet, nur es schaffe die gesellschaftlichen Probleme dorthin, wo keine Nachrichtensendung mehr Zugang habe. Ins Schlafzimmer, in die U-Bahn, an den Pool. Machen wir uns nichts vor, der Krimi dient, unseren wackligen Tisch zu stabilisieren, in dem wir ihn unter das zu kurze Tischbein schieben. Das beruhigt. Wer mag sich schon der Unsicherheit hingeben, dass die Tasse überschwappt. Selbst Literaturverlage greifen inzwischen nach den Mainstreamproduzenten auf dem Markt und genehmigen sich eine Auszeit von dem selbst postulierten Niveau.
     Also her mit der Theorie. Die am besten gleich einen neuen Trend ergibt. Wäre es nicht an der Zeit, endlich mal wieder einen umfassenden, streitbaren Widerspruch gegen den alles besiegenden Konsens aus der Schublade zu ziehen? Ihn unter die Leser zu bringen?
     Die Theorie als Slogan.
     Der Krimi ist …, der Krimi kann …, der Krimi wird … ironisch gebrochen hat er ja nun mal lange genug überlebt. Dann werden die Geschichten halt als Trash, als Zitat durch die Rezensionen gefiltert.
     Es gibt nur eine Theorie über das Genre, die nie eingebrochen ist: Jedes Klischee stimmt.
     Die Theorie kommt immer erst angeschlichen und erklärt alles im Nachhinein, ohne dass sie danach gefragt wurde. Wenn etwas zum Stillstand kommt, wird es sich wieder bewegen. Das ist ein Gesetz der Natur.
     a rose has to be a rose…   

Wolfgang Franßen © 03/2014

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