a rose is a rose is a rose …

von Wolfgang Franßen

Gertrude Stein wusste, worauf es ankommt. Ihre weltberühmte Zeile ist die Blankovorlage für alles, was nach einem tieferen Sinn sucht. Theorien kommen da meistens zu spät. Das, was sie zu ein paar Thesen zusammenfassen wollen, ist längst geschehen. Nirgends ist die auslaufende Behäbigkeit einer Epoche sich selbst so genügend widergespiegelt worden wie in den Krimis von Agatha Christie. Bei ihr widersetzt sich das 19. Jahrhundert dem Verfall. Eingelullt in die Sanftmut der religiösen Gerechtigkeit am Ende des Tages. Nicht selten in einem scheindemokratischen Zirkel von Verdächtigen triumphiert die Macht der Gerechtigkeit.
     Das ging natürlich in einem Jahrhundert, das sich selbst an die Gurgel sprang, mit Ideologien verfolgte, nicht lange gut. Das Verbrechen tauchte als Noir zwischen Schnapsschmugglern und Private Eyes auf der Straße ab, kehrte als psychischer Krüppel aus den Schützengräben wieder, gab sich bleiern in Zeiten des eisernen Vorhangs der Spionage zwischen Ost und West hin. Mal um den Süden in Gefahr zu bringen, mal um den Norden zu befrosten. Und wenn gar nichts mehr ging, klammerten sich Autoren wie Maigret und Malet an den Gedanken, dass es auch nach dem Krieg fast so wie vor dem Krieg sein könnte. Um schließlich in unseren Zeiten mit schillernder Multimedia zum Tee die nachbarschaftliche Paranoia zu servieren.
     Der Krimi hat sich entwickelt, nur wie, nach welchen Gesetzen? Da muss ein Zusammenhang her.
     Wie wunderbar diese Aufzählungen uns doch vorgaukeln, es gäbe ein paar wichtige Namen, die ihre Epoche prägten, einen gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen Biederkeit und Whodunit, zwischen Rebellion und politischem Roman, zwischen Unterhaltungsleere und Blutrünstigkeit.
     Und doch … eigentlich soll nur alles korrekt geordnet sein, einstufbar. Möglichst nach allen Seiten abgesichert. Die Welt ist doch nur noch mit Humor zu ertragen. Das Verbrechen im Straßencafé bei mir um die Ecke, wo mir alles vertraut ist, ist wichtiger als alles, was draußen in der Welt geschieht. Oder vielleicht auch nur zwei Blocks weiter. Wenn schon kein Krieg in der Nähe ist.
     Unterhalte mich bitte.
     Was würden wir nur ohne die Theorien über uns machen? Was lesen? Was treibt uns an, uns welche auszudenken? Es gibt für jeden etwas. In Wanne-Eickel kann ich einen Roman über Remscheid lesen. Endlich, ich habe so lange darauf warten müssen. Und vielleicht wird es eines Tages auch möglich sein, in Remscheid einen Krimi über Wanne-Eickel zu lesen. Wenn wir nicht gerade in Schweden sind, oder in Dublin, oder es uns in die Bronx verschlagen hat. Also wenn das die Theoretiker nicht herausfordert, eine Hypothese über den Krimi an sich aufzustellen!

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