Kriminalroman und Politik

DER ANTI-STENDHAL

von Robert Brack

In seinem berühmten Roman "Rot und Schwarz" schrieb der französische Autor Stendhal im Jahr 1830:

"Die Politik ist ein Stein am Hals der Literatur und zieht sie in weniger als sechs Monaten unter Wasser. Politik in Belangen der Phantasie ist wie ein Pistolenschuss in einem Konzert. Der Knall ist markerschütternd, aber wirkungslos. Sein Klang verträgt sich mit keinem Instrument. Diese Politik wird die eine Hälfte der Leser tödlich beleidigen und die andere langweilen, weil sie ihnen in der Morgenzeitung weit origineller und wirkungsvoller erschien."

     Diese deutliche Absage an eine politische Literatur wird vom Roman halbwegs eingehalten. Dies gilt allerdings nur, wenn man unter "Politik" "Tagespolitik" versteht. Tatsächlich ist der Roman "Rot und Schwarz" ein brillantes, analytisches Gesellschaftsgemälde der Restaurationszeit. Vor allem die ironischen Beschreibungen von Machthabern und Würdenträgern dienen durchaus der politischen Aufklärung.

Als Diplomat und Lebemann kannte Stendhal sich in allen Aspekten des Lebens der oberen Gesellschaftsschichten Frankreichs und Italiens sehr gut aus. Als Teilnehmer an den Napoleonischen Kriegen war er Zeuge der brutalen Auswirkungen ehrgeiziger Weltpolitik. Er beschrieb die Schlacht von Waterloo so beängstigend realistisch, dass Balzac vor Neid erblasste.

Acht Jahre nach "Rot und Schwarz" verfasste Stendhal den Roman "Die Kartause von Parma". Der Roman schildert die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in einem italienischen Stadtstaat zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Stendhal beschreibt hinterlistige Verschwörungen, raffinierte Intrigen und fatale Gewalttaten – und kommt aus gegebenem Anlass erneut auf das Thema Literatur und Politik zurück (interessanterweise wieder mit der Pistole im Anschlag):

"Politik in einem literarischen Werk ist wie ein Pistolenschuss in einem Konzert, etwas Vulgäres",

     behauptet er zum zweiten Mal – und beginnt mit einer detaillierten Beschreibung der komplizierten politischen Verhältnisse und Machtkämpfe in seinem (halb-) fiktiven Parma. Mit klarem Blick protokolliert er – literarisch kunstvoll dargestellt – die gesellschaftlichen Verhältnisse, die er während seiner Zeit als Diplomat in Norditalien vorgefunden hatte. Spannend, witzig und erhellend nicht nur bezüglich politischer Mechanismen, sondern auch all jener Leidenschaften, die politisch handelnde Menschen antreiben.

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