Bist du das?

von Norbert Horst

Sie hatten das Abteil seit zwei Stunden für sich allein. Draußen tauchten die Vororte von Hamburg auf, erst Schrebergärten, dann Firmen und Fabriken, danach gewährten Einfamilienhäuser intime Blicke auf Hinterhöfe, Rasenflächen und in Müllecken. Die beiden anderen saßen Tom gegenüber. Manfred, den sie Manni nannten, döste mit verschränkten Armen, Benno spielte mit seinem Handy. Als es städtischer wurde, die Häuserzeilen höher und lückenloser, die Fenster bunter, begann der Zug zu bremsen. Manni schlug die Augen auf, orientierte sich kurz, rieb sich das Gesicht. Er sah nach draußen.
     „Okay, wir sind gleich da. Wir machen es wie abgesprochen, am besten an den Bushaltestellen vor dem Bahnhof, da sind keine Kameras wie in der U-Bahn. Wie immer beim Einsteigen. Alles wie gehabt, ich bin an Position eins, das ist sowieso klar, übergebe an Benno an Position zwei, der kommt zu dir, Tom.“
     Er nickte.
     „Aber sei nicht wieder zu dicht dran, das machst du öfter in letzter Zeit, bleib auf Distanz, am besten verdeckt hinter ’ner Ecke oder so.“
     „Ja, schon gut, das ist doch alles klar. Und noch mal, es ist eh das letzte Mal für mich, das hast du kapiert, ja?“
     „Ja, hab ich.“ Mannis Ton war genervt und enttäuscht. „Aber ich brauche das Zeug nun mal immer noch. Du hast auch lange von der Nummer profitiert, da kannst du uns jetzt ruhig noch eine Zeit unterstützen.“
     Der Zug hielt, sie stiegen aus und bahnten sich ihren Weg durch das Nachmittagsgewühl im Hauptbahnhof, hielten den nötigen Abstand, um nicht zusammen gesehen zu werden.
      
     Eine Stunde später hatten sie bei einer älteren Pelzjäckchenträgerin Erfolg gehabt. Als sie am Treffpunkt im Park um die Ecke die Designerbörse öffneten, fanden sich darin nur zwei abgegriffene Zwanziger.
     „Scheiße, läuft nicht, heute.“ Manni schnippte die Zigarette ins Gras, aus dem Grün stieg eine dünne Rauchsäule auf. „So mies war es das letzte Mal in Stuttgart. Trotzdem, ’ne Viertelstunde machen wir noch, länger nicht, wir fallen sonst auf. Dann suchen wir uns entweder eine andere Stelle, oder wir fahren weiter.“

     weiterlesen