„Everybody knows the dice are loaded“   (L. Cohen)

Hab ich nun ach …

von Thomas Wörtche

Brauchen Kriminalromane Theorie? Auf dem Cover von Jochen Vogts unverzichtbarer Sekundärliteratur-Sammlung „Der Kriminalroman“ steht als Untertitel „Poetik. Theorie. Geschichte.“ Das liest sich eher wie ein Wunschkatalog denn wie ein Inhaltsverzeichnis und wäre vermutlich mit einem Fragezeichen versehen korrekter.
     Mit der „Geschichte“ fängt es schon an. Es gibt, soweit ich sehe, keine einzige brauchbare „Geschichte der Kriminalliteratur“ – weder eine nationale noch eine internationale. Wie auch? Alleine die bibliographische Erfassung der weltweit meist produzierten Literatur treibt hartgesottene Maniaken wie den geschätzten Claude Mesplède oder sein deutsches Pendant, den Buchhändler und Sammler Thomas Przybilka, weit über die Grenzen ihrer Kapazitäten, so wie auch schon Klaus-Dieter Walkhoff-Jordan mit seiner deutschen Krimi-Bibliographie einfach nicht mehr nachkam, nachdem der Markt in den 1990ern explodiert war – und wenn man genau schaut, auch schon lange vorher. Denn was man vor zwei oder drei Jahrzehnten über den südamerikanischen, afrikanischen oder asiatischen Kriminalroman noch nicht wusste, sollte einem heute noch die Schamesröte ins Gesicht treiben. Natürlich gibt es inzwischen großartige Einzelstudien wie die von Doris Wieser über den lateinamerikanischen Kriminalroman, aber auch die müssen sich beschränken, weil z.B. Lateinamerika nun alles andere ist als ein einheitlicher Kulturraum. Ähnliches gilt für Afrika und Asien. Zwischen dem Maghreb und der Republik Südafrika liegen nicht umsonst ein paar tausend Kilometer. Und manche „Räume“ machen mehr Sinn als Staatengrenzen oder Sprachräume. Der „Kulturraum“ Mittelmeer zum Beispiel, von der Türkei bis nach Spanien und Marokko, den man dann allerdings wiederum mit den verschiedenen kriminalliterarischen und literarischen und überhaupt mit den jeweils sehr unterschiedlichen verschiedenen narrativen Kontexten und Einflüssen synchronisieren müsste. Da reichen alberne Grafiken über „Krimis und ihre Schauplätze“ nicht wirklich aus.
     Wenn wir diese Diskussion jetzt auch noch diachron wenden, wird´s ganz finster. Selbst beim guten „deutschen“ Krimi, für den man gern irgendwelche obskuren und musealen „Vorläufer“, Krimis avant la lettre und andere Fossilien ausgräbt (lesen mag das zopfige Zeug sowieso niemand, warum auch), ohne die einfache Frage zu stellen, was eine ex post rekonstruierte „Tradition“, die nicht die geringste Relevanz für die „aktuelle“ Produktion der, sagen wir, letzten 50, 60 Jahre hatte, überhaupt für einen Erkenntnisgewinn haben soll.

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