Schlaglichter – Ein Blick zurück

von Michaela Hövermann

Mein erster Mordfall führte mich nach England in die Baker Street 221 B nach London und mit „Der Hund der Baskervilles“ in die karge, Moorlandschaft von Dartmoor in der englischen Grafschaft Devon. Es war diese Atmosphäre in Arthur Conan Doyles Roman, die mich einfing: das Geräusch von Pferdehufen und Droschken auf Kopfsteinpflaster, das fahle Licht viktorianischer Straßenlaternen in der regnerischen Stadt und das Heulen des mysteriösen Geisterhundes über dem Moor.
     Was Holmes als Charakter so interessant machte, waren seine dunklen Seiten, allem voran der Hang zu Drogenkonsum und Selbstzerstörung. Weiter ging es mit Agatha Christies schrulliger Amateurdetektivin „Miss Marple“, die in den 1930er Jahren in einem fiktiven englischen Dorf namens St. Mary Mead ermittelt.
     Es waren diese eher betulichen Klassiker des Golden Age, die in meiner Kindheit die Liebe zum Kriminalroman weckten. Mit Edgar Allan Poe, Stephen King und Clive Barker wurde es kurzfristig schauriger. Doch nach den kleinen Abstechern ins Horror-Genre stand die Aufklärung des Verbrechens bei der Lektüre nicht mehr im Vordergrund

Risse im Gefüge

Zum Wendepunkt wurde „Der Richter und sein Henker“ des Schweizer Autors Friedrich Dürrenmatt, eine „Zufallsentdeckung“ im doppelten Sinn, in der eine Wette einen der Kontrahenten zum Kriminellen, den anderen zum Kriminalisten werden lässt. Tat und Täter sind bekannt, nur überführt werden kann er nicht. Allein der Zufall entscheidet über Sieg oder Niederlage. Gerechtigkeit lässt sich nicht mit den Mitteln des Systems herstellen.
     Kurz darauf folgten mit Raymond Chandlers Philip Marlowe die ersten hard-boiled Kriminalromane, die eine ganz andere Gangart anschlugen und mich für eine Weile ins Los Angeles der 1930er und 40er Jahre versetzten. Sittenverfall, Korruption, zwielichtige Typen… Das Bild der Stadt könnte kaum düsterer sein.

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