Succo sieht jedesmal anders aus, wenn ich ihn bei seiner Prügelei auf Leben und Tod mit einem Hünen in einer heruntergekommenen Hafenbar (in Marseille? In Genua? In Hamburg?) beobachte. Die Mischung aus Rauch, Schweiß, Blut, ausgenommenem Fisch und Diesel unten am Kai kann ich dann fast riechen.
     Und auf der anderen Seite lässt die Geschichte um Roberto Succo den Leser (oder den Theaterbesucher) mit einem unglaublichen Gefühl der Ratlosigkeit zurück. Succo bricht aus, tötet. Tötet wieder. Bricht wieder aus. Bringt sich um. Und keiner, niemand weiß oder versteht, warum eigentlich. Auch mich hat jede Inszenierung von Koltès Werk bis heute mit der unbeantworteten Frage nach dem „Warum“ zurückgelassen. Ärgerlich? Fehlt da nicht etwas? Wohl kaum. Denn eigentlich ist das nur die gleiche Ratlosigkeit, mit der einen auch die Realität zurücklässt, wenn man nicht versteht oder nicht verstehen will, was die Ursache für eine bestimmte Gewalttat in den Nachrichten gewesen sein könnte. Roberto Succo kommt aus der realen Welt. Und so fühlt es sich eben an.
     Ein Spiel mit offenen Fragen. Auch das ist der Kriminalroman. Die Freiheit, Dinge bewusst unbeantwortet zu lassen. Aber so spannend zu formulieren, dass man fast gegen seinen Willen gezwungen ist, darüber nachzudenken. Anders gesagt: Motive nicht ausformulieren oder Handlungsstränge offenlassen, das ist das eine. Das existiert in jeder Erzählung. Sie aber so anlegen, dass ihr Offenbleiben auffällt, dass es einen zum Nachdenken zwingt, einen vielleicht fast verärgert. Das ist das andere. Aber es entspricht der Realität des Verbrechens. Und es bildet ab, was sich heute keine vierundzwanzig Stunden nach jeder realen Gewaltexplosion irgendwo auf der Welt im Internet findet. Ratlosigkeit, simplifizierende Theorien und das Gefühl, dass irgendetwas furchtbar schiefgelaufen ist.
     Weder Succo – noch der Kriminalroman als Genre – haben mich je wieder losgelassen. Rein privat, weil ich das Stück in unzähligen Inszenierungen gesehen habe. Literarisch, weil das Werk mir den Blick für Autoren und Romane geöffnet hat, die mehr tun, als nur eine spannende Geschichte zu erzählen. Die es wagen, Dinge offenzulassen, und die ihr Milieu kennen. In meinem finden sich Schurken und Helden wie Succo. Oder doch eher wie Koltès?

Jörg Walendy © 02/2014

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