Wie ein Faustschlag ins Gesicht. Morte villana, die pietà nemica …

von Jörg Walendy

Roberto Succo hangelt sich an der Wand bis auf das Dach seines Gefängnisses, weicht den Suchscheinwerfern aus und verschwindet im Dunkeln. Einige Morde werden seinem Ausbruch folgen. Andere hat er schon vorher begangen. Der Mann war ein italienischer Gewaltverbrecher und Serienkiller. Brutal, klischeehaft düster-mediterran. Jedenfalls, wenn man der Berichterstattung zu seinem Fall glauben will oder ihn schnell skizzieren muss und dabei mit klassischen Versatzstücken spielt. Geboren am 3. April 1962 in Mestre, gestorben am 23. Mai 1988 in Vicenza. Mit dem Gesicht in einer Plastiktüte.
     Der reale Fall und der dramaturgischer Umgang damit. Das hat mich zum Kriminalroman gebracht. Bernard-Marie Koltès hat noch im gleichen Jahr, in welchem sich Succo  nach seiner zweiten Festnahme das Leben nahm, ein Drama aus dieser realen Kriminalgeschichte  gemacht. Und hier skizziert er diesen Mann ganz anders. Succo tötet nicht aus Bosheit, sondern nur beiläufig. Er tötet, weil er die anderen „auf seinem Weg“ nicht gesehen hat. Ein aufgesetzter Schuss in den Hinterkopf eines vierzehnjährigen Jungen. Die Vergewaltigung einer kaum Zwölfjährigen. Die Erdrosselung seiner Mutter aus einer innigen Umarmung heraus. Im Ergebnis ist all dies nicht weniger brutal, aber es geschieht stets mit der Pose der Nebensächlichkeit. So als wolle Succo eigentlich ganz andere Dinge, müsse aber die Rolle des Mörders ausleben, weil sie zu ihm gehört. Dagegen wehren kann er sich scheinbar nicht.
     Koltès eigenes Schicksal, seine galoppierende Aids-Erkrankung, sein schneller und früher Tod kaum ein halbes Jahr später in Paris lassen sich kaum von einer so skizzierten Figur trennen. Auch Koltès schrieb und lebte wie ein Besessener und konnte sich doch nicht gegen sein Schicksal wehren.
     Dieses Hin und Her zwischen Koltès dramaturgischem Umgang mit der Realität und der Kriminalgeschichte Roberto Succos hat mich gefangengenommen. Koltès Theaterstück ist packend und kurzweilig. Es ist im klassischen Sinne spannend. Der Flucht folgen neue Verbrechen, Verfolgung durch die Polizei, eine dramatische Geiselnahme und die zweite Festnahme. Es bleibt lange ergebnisoffen und schont weder seine Haupt- noch seine Nebenfiguren. Der traurige Kommissar im Bordell? Augenblicke, nachdem ihn der Leser der Zeilen als Person anfängt interessant zu finden, ist er schon von Succo erstochen worden. Jeder kann der nächste sein. Jede zufällige Begegnung könnte mit einem Mord enden.
     Aber es leistet noch viel mehr. Koltès taucht tief in sein Milieu ein. Er schildert en passant die Bigotterie einer italienischen Großfamilie. Die kleine Tochter, die es zu beschützen gilt, wird nach ihrer Entjungferung durch Succo innerhalb von Minuten von der Heiligen zur Hure, die die Nebenfiguren gleich an den nächsten Kriminellen verkaufen. Und die Mutter eines seiner vielen Mordopfer ist von Succos testosterongesteuerten Urgewalt genauso erschüttert, wie unwiderstehlich angezogen. Das kann nur eine gute Kriminalgeschichte. Sie nutzt eine Erzählung als Katalysator, um tief und bis auf den Bodensatz in eine bestimmte Gesellschaft und eine bestimmte Zeit einzusteigen. Wenn sie gut gemacht ist, dann werden Figuren geschaffen, die sich bei jeder Inszenierung (oder im Kopf eines jeden neuen Lesers) weiterentwickeln. Mir geht es bis heute so.

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