Morgen in der Früh bist du tot.

von Wolfgang Franßen

Gestern wollte ich meine Frau umbringen, aber die hat ja nie Zeit. Also habe ich lieber einen Kriminalroman gelesen, um mich auf den neuesten Stand zu bringen. Ich habe schon daran gedacht, sie von jemand anderem umbringen zu lassen. So wie in Patricia Highsmiths Zwei Fremde im Zug. Aber zum einen fahre ich nicht gerne Zug und zum anderen muss ich erst einmal jemanden kennenlernen, der gerade seine Frau umbringen will. Alle schreien nach zwanzig Bier zwar, dass sie ihr die Pest an den Hals wünschen, dass sie sich bloß vorsehen soll, aber sie umbringen? Nicht wirklich. Nicht die Frau. Und dabei wäre es so leicht.
     Stattdessen lesen wir nur. Im Fall von Patricia Highsmith ist es natürlich die Frage: Könnte ich überhaupt eine Fremde umbringen, die nicht meine Frau ist? Ihr würde ich etwas ins Essen mischen. Arsen über Jahre soll ja wirken. Aber ich habe noch keinen kennengelernt, der es zugibt. Aber welches Gift sonst lässt sich nicht nachweisen? Vorausgesetzt, ich halte mich an Patricia Highsmith und sage, du bringst meine um, dafür bringe ich deine um, dann ist das Scheitern schon vorprogrammiert. Die eigene Frau kennt man. Aber die des anderen? Vielleicht kann sie gar nichts dafür und ich sollte besser ihren Mann umbringen? Und was, wenn er meine nicht, ich aber seine umbringe? Daran scheitert es ja auch bei Patricia Highsmith. Alles viel zu unsicher. Am Ende ergibt sich da noch ein Problem mit der Moral. Bei der eigenen Frau habe ich das nicht.
     Die kann vielleicht wie in Tim Bindings Cliffhanger zufällig mal an einer Klippe stehen und es bedarf nur eines kleinen Schubses. Sieht dann wie ein Unfall aus. Sie hat sich zu weit an den Rand vorgetraut und ist abgerutscht, vom Wind erfasst worden. Bei Binding ist es allerdings so, dass die Falsche hinuntergestoßen wird, nur weil sie genauso aussieht wie die eigene Frau, und dann kommt der Held nach Hause und die Frau sitzt auf der Couch und hat gute Laune. Was wiederum bedeutet, dass all das Lesen von Krimis nun rein gar nichts bringt. Was nützt es einem schließlich, wenn die Frau tot ist und der Himmel mit einmal vergittert ist?

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