Japans dunkle Seiten, zweischneidig

von Carsten Germis

Erste Krimi-Leseerlebnisse will die Polar-Gazette in dieser Ausgabe schildern. „Mit dem Lesen von Kriminalromanen schlagen wir Zeit tot; Zeit, in der wir selbst Verbrechen hätten begehen können.“ Mit diesem Satz hat der holländische Krimiautor Janwillem van de Wetering, der vor mehr als einem halben Jahrhundert selbst für einige Zeit in einem Zen-Kloster in Japan gelebt hat,  seine Anfang der 90er Jahre erschienene Sammlung von japanischen Kriminalgeschichten eingeleitet. Japaner lesen viel, statistisch sogar mehr als die Menschen anderer Länder. Außerdem kaufen sie ihre Bücher, lobte Van de Wetering. Das ist natürlich eine Eigenschaft, die Autoren glücklich macht, weil sie ihnen ein auskommendes Einkommen sichert. Bis heute zeigt ein Blick in japanische Buchhandlungen, wie ungebrochen populär Krimis in dem ostasiatischen Land sind. „Die Kriminalliteratur schneidet mit ihrer Klinge tief in das alltägliche Dasein ein“, schreibt Van de Wetering. „Japanische Kriminalliteratur ist deshalb zweischneidig.“
     Als ich vor mehr als zehn Jahren ernsthaft damit begonnen habe, mich näher mit der japanischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu beschäftigen, lag es nahe, sich dem Land auch über den Kriminalroman zu nähern. Bis heute gibt es leider nicht sehr viele  Thriller oder Detektivgeschichten aus dem Land der aufgehenden Sonne, die ins Deutsche übertragen worden sind. Damals, als meine Zeit mit Japan begann, erschien allerdings in Deutschland der mit Preisen ausgezeichnete Roman „Out“ der Autorin Kirino Natsuo. Das japanische Schriftsystem macht es mit der Katakana genannten Schrift leicht, ausländische – zumeist englische – Begriffe in die eigene Sprache zu nehmen. „アウト“, phonetisch den englischen Begriff ins  Japanische übertragen, ist der Roman in englischen Übersetzungen und in Japan bis heute auf dem Markt. In Deutschland brachte ihn der Goldmann-Verlag 2003 – in einer sehr gelungenen Übersetzung von Annelie Ortmanns – unter dem Titel „Die Umarmung des Todes“ heraus. Der Rezensent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ feierte Natsuo Kirinos Krimi damals als „von schriftstellerischer Meisterschaft internationalen Ranges“.
     Für mich gehört „Out“ bis heute zu den besten japanischen Kriminalromanen, die bislang in die englische oder in die deutsche Sprache übersetzt worden sind. Damals, vor rund zehn Jahren, eröffnete Kirino mir einen Blick auf eine japanische Realität, die ganz anders war als die Klischees, die sonst so oft über das Land verbreitet werden.  Wer den Untergrund Japans kennenlernen will; wer einen Einblick in Milieus bekommen will, die einem Ausländer sonst wegen der Sprachbarrieren verschlossen bleiben, für den ist „Die Umarmung des Todes“ bis heute eine der besten, aber auch verstörenden Einführungen in die dunklen Seiten der japanischen Gesellschaft. Die Autorin, so politisch sie ihre Thriller auch schreibt, scheut die Öffentlichkeit. Auch Kontakt zu Journalisten meidet sie, zu ausländischen allemal. Kirino ist studierte Juristin, schlug sich lange mit Gelegenheitsarbeiten durch und schreibt unter falschem Namen, soviel ist bekannt.  Sie  mag es auch nicht besonders, als Krimiautorin bezeichnet zu werden.  Tatsächlich ist „Die Umarmung des Todes“ ein Roman, der weit über das hinaus führt, was an Detektivgeschichten oder Thrillern in allen hochentwickelten Ländern derzeit den Markt überschwemmt.

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