Jane, Baby Jane

von Frank Göhre

Es war eine Bar, wie eine Bar zu sein hat. Ein L-förmiger Tresen, Hocker, ein paar Fenstertische, eine Musikbox und im Nebenraum der Billardtisch. Es gab Bier aus Flaschen und Whisky – mehr brauchte es nicht für die paar einsamen Trinker an diesem Septemberabend in Bullhead City, Arizona, am Colorado River.
     Ich war seit drei Wochen unterwegs, von New York nach Phoenix, von Phoenix rauf ins Death Valley, links und rechts Wüste, das Ende der Menschheit (Wolf Wondratschek), und jetzt auf dem Weg nach L.A. in dieser Bar.
     Die Gäste zogen sich ruhig und bedächtig ihren Stoff rein, und der Wirt achtete darauf, dass es so blieb. Ich hielt am Tresen gebührend Abstand und orderte ein Bud. Schweigend hörten wir einem Song von Willi Nelson zu. Es wurde geraucht. Yesterday is dead andgone, and tomorrow’s out of sight, and it’s sad to be alone, help me make it through the night …
     Es war das Jahr 1987, und es war nicht im Entferntesten vorstellbar, dass es einmal Zeiten geben würde, in denen das Rauchen in einer Bar verboten war. So aber war es gut. Männer, die rauchten und tranken und an Zeiten dachten, die weitaus besser gewesen waren: ein eigenes Heim, eine liebende Frau und Kinder. Baseball und Thanksgiving im Kreis der Familie.
     Ich war beim dritten oder vierten Bier und der wer weiß wievielten Lucky, als sich Jane neben mir auf den Hocker schwang.
     Jane, Baby Jane.
     Wie an den Abenden zuvor trug sie ihr locker über die Hüften fallendes Holzfällerhemd, die abgewetzten Jeans und ihre phantastischen Schlangenlederstiefel – ihr Outfit on the road.
     Ihr blondes Haar hatte sie hochgesteckt und ihre Lippen glänzten matt. Sie reagierte nicht auf die Blicke der anderen, orderte einen doppelten Bourbon und sah mich aus ihren strahlend blauen Augen erwartungsvoll an.
     „Wie wars?“, fragte sie. Ich räusperte mich.
     Ich musste mich immer wieder neu an sie gewöhnen.
     Außerdem kam sie zu früh.
     „Ich habs nicht gleich gefunden“, sagte ich. „Es gibt da oben kaum Schilder und deine Beschreibung – na ja.“
     Es war eine anstrengende Fahrt durchs Valley gewesen, auf holprigen Wegen durch hügeliges Ödland und enge Schluchten, vorbei an eingetrockneten Salzseen, ehemaligen Schürfgebieten und verfallenen Hütten.
     Geisterorte.
     Der Wind pfiff durch die leeren Fensterhöhlen, wirbelte feinkörnigen Sand auf, Staubwolken. Trockene Grasbüschel fegten über die Ebene, verfingen sich an mannshohen Kakteen. Mehrere grobgezimmerte Kreuze waren in die Erde gerammt, die Schrift ausgebleicht, verloschen.
     Jane machte eine entschuldigende Geste.
     „Es ist fast zwanzig Jahre her“, sagte sie. „Obwohl – es kann sich eigentlich nicht viel verändert haben.“
     „Ich hab den Wagen an der ersten Wasserfallstufe stehen lassen“, sagte ich. „Es war Gott sei Dank noch vor Einbruch der Dunkelheit, und ich war entsprechend ausgerüstet. Die Nacht hab ich auf der Ranch verbracht.“

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