Alles ist erlaubt

von Wolfgang Franßen

Wer kennt diesen Moment aus der Jugend nicht, wenn ein Freund im Kreis eine Geschichte zum Besten gibt, die natürlich wahr ist und die man auf keinen Fall anderen weitererzählen darf? Nicht selten kamen darin Dachböden vor, auf denen seltsame Geräusche zu hören waren. Mitunter Stimmen. Wenn der Bekannte eines Bekannten des Freundes dann die Leiter hochstieg, hatte sich da gerade jemand an einem Balken erhängt oder ein durchsichtiges Wesen trieb sich zwischen Umzugskisten herum. Je heftiger einen das kalte Grausen packte, desto inständiger schwor dieser Freund bei seinem Ehrenwort, dass das alles sich so zugetragen habe. Mitunter kamen Autos darin vor, deren Fahrer mitten in der Nacht einen Anhalter mitnehmen wollten, es sich im letzten Moment jedoch anders überlegten und das Gaspedal durchdrückten, so dass die Beifahrertür zuflog. Und natürlich hatte der Anhalter eine Tasche im Wagen zurückgelassen mit blutigen Spritzen, Sägen und langen Messern, deren Klingen so scharf waren, dass sie jeden Kopf mit einem Schnitt abtrennten. Manchmal blieb sogar ein Fuß oder der Rest einer Hand zurück.  Ganz zu schweigen davon, wie oft so ein Bekannter eines Bekannten tagelang verfolgt wurde. Nachts dunkle Gestalten zwischen den Büschen im Garten ausmachte oder ein Klopfen an den Fensterscheiben hörte. Norman Bates hat für viele schlaflose Nächte gesorgt, nachdem er seine halbverweste Mutter in Psycho die Treppe hinuntergetragen hatte. Séancen wurden in jenen Tagen abgehalten, nächtliche Ausflüge bis an den Friedhofsrand unternommen, um den eigenen Mut unter Beweis zu stellen und dem Jenseits zu trotzen. Wenn es dann tatsächlich geschah, dass ein Psychopath aus einer Klinik ausbrach, ein Schwerkrimineller auf einem Transport flüchtete, ging der Spuk erst richtig los. Die Welt war finster und voller Schrecken.
     Neben der Erfindung der Liebe ist der Horror, der dunkle Trieb, eine der Geburtsstunden jeden Erzählens. Dem Leser wird ein kurzes Verschnaufen im grauen Einerlei ermöglicht. Zum zeitweiligen Atemstillstand verurteilt, sobald es gilt, im Keller nachzusehen, ob alles in Ordnung mit der eigenen Psyche ist, wenn die Heizung klappert. Die Meister dieses Fachs sorgen dafür, dass ihre Leser an den Zeilen hängen, egal wie unglaubwürdig die Umstände doch sind.

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