Die Themen und Leitmotive sind bei Kafka und King ähnlich. Doch verhandelt werden sie vollkommen unterschiedlich:
     Die Romane „Shining“ (1977) und „Sie“ (1987) sind beide im amerikanischen Bundesstaat Colorado verortet. In beiden geht es um einen Schriftsteller im Ausnahmezustand: In „Shining“ nimmt der erfolglose Möchtegern-Intellektuelle Jack Torrance eine Stelle als Hausmeister in einem Hotel an, um endlich ein angefangenes Theaterstück zu beenden. Abgeschnitten von der Außenwelt, gefangen in einem Haus des Bösen, verliert er jedoch zunehmend die Kontrolle und wird zur tödlichen Gefahr für Frau und kleinen Sohn.
     In „Sie“ endet der Bestsellerautor Paul Sheldon nach einem Unfall in den Händen einer zutiefst verstörten Psychopathin, der er auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Seine schweren körperlichen Verletzungen machen ein Verlassen des Hauses unmöglich.
     Beide Male verlieren die Hauptfiguren die Kontrolle über ihr Leben, beide Male sind sie gefesselt an ein Gebäude, in dem das Grauen regiert. Dem Autor gelingt ein lähmendes und zugleich nervenzerreißendes Spiel mit der Angst. Immer fester zieht sich die Schlinge, bis man beim Lesen selbst in der klaustrophobischen Enge zu ersticken glaubt.

Ein Hotel in den Bergen als Hort des Grauens

„Shining“ liest sich in weiten Teilen wie ein Familiendrama über die Schattenseiten des American Dream: Im Zentrum steht eine dysfunktionale Durchschnittsfamilie, in der vertuscht wird, was nicht sein darf. Jack Torrance, ein jähzorniger Trinker und ehemaliger Lehrer, nimmt eine Stelle als Hausmeister in einem Hotel in Colorado an. Der Job soll helfen, seine Familie über Wasser zu halten, während er sich in der Abgeschiedenheit schriftstellerisch betätigt.
     Während der Saison ein geschätzter Aufenthaltsort der Mächtigen aus Wirtschaft, Politik und Unterwelt – „modernen“ Verbrechern in Nadelstreifen, ohne Ethik und Moral – steht es in der Winterzeit leer, muss beheizt und teilweise auch renoviert werden. Viele Berühmtheiten sind dort schon eingekehrt. Aber es ist auch ein ruheloser Ort, an dem zahlreiche Menschen durch Mord oder Selbstmord umkamen. Der letzte Hausmeister, ebenfalls ein Trinker, ermordete dort erst seine Familie, dann sich selbst. Die unheimlichen Vorkommnisse konzentrieren sich vornehmlich auf ein bestimmtes Zimmer.
     Abgeschnitten von der Außenwelt entwickelt sich die vermeintliche finanzielle Rettung zur tödlichen Bedrohung für Jacks Frau Wendy und ihren kleinen Sohn Danny. Denn die geballte negative Energie, die sich dort angestaut hat, entwickelt eine vernichtende Eigendynamik. Nach und nach gleitet Jack in den Wahnsinn. Dabei kehrt das innerhalb des Hotels „Overlook“ verwurzelte Böse lediglich das Innere nach außen, und es erzwingt Entscheidungen und Schritte, die viel zu lange aufgeschoben worden sind…

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