Der Horror des Alltags

von Michaela Hövermann

"Ich will, dass Ihr euch beim Lesen mit einer Hand in euren Sesseln festkrallt!" – Stephen King

Wohl kaum jemand zeichnet Bilder abgrundtiefer, vollkommener Verzweiflung eindringlicher als Frank Kafka, der zu den wirkungsmächtigsten deutschsprachigen Autoren des letzten Jahrhunderts zählt. Seine Helden sind allesamt Verzweifelte, Verratene und Verlorene, die Gesellschaft und Welt nichts entgegenzusetzen vermögen. Sie sind höheren Mächten ausgeliefert, genauso wie der Autor selbst es war.
     „Niemand wird kommen, mir zu helfen“, notierte er 1917 in einem seiner Oktavhefte. Und niemand sollte lesen, was er schrieb. Sein Freund und Testamentsverwalter Max Brod widersetzte sich diesem Wunsch. So ist das, was der Nachwelt von Franz Kafka erhalten geblieben ist, wie der Blick in seine nackte Seele. Gleichzeitig hält er uns einen Spiegel vor und zieht uns hinein in seinen düsteren Kosmos.
     So lässt sich etwa „Die Verwandlung“ – eine finstere Parabel, in der sich ein ausgebrannter, sich selbst entfremdeter Mensch in ein Ungeziefer verwandelt – lesen wie ein Lehrstück zum Thema Burnout in der heutigen Arbeitswelt. Unbarmherzig spielt Kafka mit der angsteinflößenden Vorstellung, unter der Anforderungslast zusammenzubrechen und nicht mehr für die eigene Familie sorgen zu können. Was aus Gregor Samsa wird, flößt nicht nur seinen Angehörigen Angst und Abscheu ein.  Als Mischwesen zwischen Mensch und Getier zermartert er sich im Selbstekel, vegetiert vor sich hin, gefangen in seinem nutzlos gewordenen Käferkörper, sprachlos, machtlos, vergessen, bis er schließlich durch die Hand seines Vaters in einem letzten Akt der Vernichtung stirbt.
     Dysfunktionale Familienstrukturen, Abhängigkeit, Hilflosigkeit, das Scheitern im Berufsleben, paradoxe Alltagssituationen, fantastische Elemente… Diese universellen Themen sind auch Elemente moderner Horrorliteratur.
     Mit dem Output und Erfolg Stephen Kings kann kaum ein anderer Autor mithalten: 1947 in Portland, Maine, geboren, hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Er schreibt spannungsgeladene Horrorschocker, aber auch Romane mit sozialkritischen Anklängen und übersinnlichen Elementen. Sein Erfolgsrezept? Er lässt den Horror in den ganz normalen Alltag kriechen. Seine Protagonisten sind die typische amerikanische Kleinfamilie, der Mensch von nebenan, vielleicht in einer Ausnahmesituation, vielleicht versehen mit einer besonderen Begabung. Oft schwingen – genau wie bei Kafka – biographische Anteile mit und verdichten sich zu packenden Erzählungen, die sich nicht mehr aus der Hand legen lassen.

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