Rapunzel

von Zoë Beck

Nordalbanien, 1930.

Jerinas lange schwarze Locken fielen zu Boden. Erst eine Strähne, dann die nächste, bis sich um ihre Füße herum ein kleiner Teppich gebildet hatte.
     Fertig, sagte ihre Tante Valbona.
     Jerina strich sich vorsichtig mit der rechten Hand über den Kopf. Kurze, harte Stoppeln. Ab sofort war sie das Familienoberhaupt, nachdem ihr Bruders Skender als letztes männliches Mitglied der Familie Zogjani erschossen worden war.
     Sie dachte an das blutbefleckte weiße Hemd ihres Bruders, das unter dem Dach hing. Eines Tages würden die Blutflecken gelb werden, und es hieß, wenn das Blut gelb wurde, war der Tote ungeduldig und forderte Rache für sein Blut.
     Wie lange wird es dauern, bis Skenders Blut gelb wird?, fragte Jerina.
     Das weiß nur dein Bruder, antwortete ihre Tante.

Mit ihren kurz geschorenen Haaren und der Kleidung, die bis vor wenigen Tagen noch ihrem Bruder gehört hatte, ging sie zu den anderen Männern im Dorf. Sie wollten ihr beibringen, was sie längst konnte: wie sie mit dem Gewehr umgehen musste. Skender hatte es ihr gezeigt. Die Männer im Dorf wollten ihr auch von Dingen erzählen, die sie längst wusste: von den Regeln des Kanun, dem Gewohnheitsrecht, das seit Jahrhunderten mündlich im albanischen Hochland überliefert wurde.
     Du hast als Jungfrau geschworen, fortan wie ein Mann zu leben, du darfst niemals mit einem Mann zusammen sein und heiraten.
     Du musst die Blutrache weiterführen.
     Du musst das Blut für deinen Bruder nehmen.
     Du musst dich zu erkennen geben, bevor du auf ihn schießt.
     Du musst ihn auf den Rücken legen, wenn er tot ist. Das Gewehr neben seinen Kopf.
     Du darfst niemals einen der Fluchttürme betreten.
     Du musst dem Kanun folgen.

     Skender Zogjani war von Gjon Varoshi getötet worden. Zuvor hatte Skender einen Varoshi getötet, weil dieser einen Zogjani umgebracht hatte. Die beiden Familien waren seit zehn Jahren verfeindet – sie standen im Blut, so sagte man, und jedes Blut, das genommen wurde, forderte ein neues. Angefangen hatte alles damit, dass ein Varoshi angeblich einem Zogjani während eines Unwetters keine Gastfreundschaft in seinem Haus gewährt hatte. Dabei zählte der Gast mehr als die Familie, sagte der Kanun. Keiner wusste heute mehr, ob das stimmte. Die Varoshis erzählten die Geschichte ganz anders.

     Jerina kannte eine andere Schwurjungfrau aus dem Nachbardorf. Sie war wie Jerina zum Familienoberhaupt erklärt worden, nachdem das Blut des letzten männlichen Verwandten genommen worden war. Sie hatte wie Jerina geschworen, keusch zu leben. Sie war fünfzig Jahre alt und hatte eine tiefere Stimme als die meisten Männer, die Jerina kannte. Sie rauchte und trank auch mehr als die meisten Männer. Man erzählte sich, dass sie früher ein sehr schönes Mädchen gewesen war. Nun lebte sie seit über dreißig Jahren als Mann und sah auch aus wie einer. Ihre einstige Schönheit ließ sich nicht einmal mehr erahnen. Sie hatte ein hartes, kantiges Gesicht, einen breiten Rücken, kräftige Arme und Beine von der Feldarbeit. Über Jerina sagte man auch, sie sei ein sehr schönes Mädchen. Es störte sie nicht, dass sie leben sollte wie ein Mann. Aber sie wollte nicht so aussehen.

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