Blut, mehr Blut, viel mehr Blut …

von Thomas Wörtche

Kriminalliteratur erzählt von Gewalt und Tod. Das ist ihr Beruf. Egal, in welcher Aufmachung sie auftritt. Selbst der dümmlichste Regio- oder Rettich-Grimmi tut es, auch wenn er vor der Dignität seines Gegenstandes noch nicht einmal mehr den Hauch eines Bewusstseins hat. Man kann die Harmlosigkeit und Unschuld von Rätsel-, Häkel- und anderen Softkrimis beschwören wie man möchte, man kann behaupten, es drehe sich alles nur ums Spiel, ums Vergnügen, um den Lesespaß – es geht davon nicht weg, dass irgendwann Tod und Gewalt Thema sind. Und diese beiden Phänomene sind Schwergewichte. Das heißt nicht, dass sie ehrfürchtiger thematischer Spezialbehandlung bedürfen.
     Aber weil Gewalt oft den Tod nach sich führt und Gewalt „das Opfer unmittelbar im Zentrum seiner Existenz, in seinem Körper“ trifft (Wolfgang Sofsky, Traktat über die Gewalt) hängt die Qualität von Kriminalliteratur nicht unwesentlich davon ab, wie sie damit umgeht.
     Schon der wenig schöne Zustand der beiden Leichen in Poes „Murders in the Rue Morgue“ ist immerhin ein Indiz, dass der Täter un-menschlich zu Werke gegangen war. Dass gleich im Gründungstext des Genres aus dem metaphorisch beliebten und auch schon damals topischen „unmenschlich“ als Adjektiv für von Menschen begangene Untaten eine wortwörtlich zu verstehende Aussage geworden ist, unterstreicht schon die Ambiguität des Unternehmens „Kriminalliteratur“.
     Zum Beispiel die Cozys, das Golden Age des bedächtigen Mordens in gepflegter und angenehmer Atmosphäre, in Luxuszügen und auf -dampfern, auf Landsitzen und Villen mit Seeblick, auf kleinen privaten Inseln und anderen Orten einer als intakt vorgeführten Klassengesellschaft: Für sie gilt der berühmte erste Satz von Ernst Blochs Essay über Kriminalliteratur, dass „etwas nicht geheuer“ ist, dass da ein als „normal“ inszenierter Zustand von einer Anomalie gestört wird. Dass Luc Boltanskis Studie „Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft“ von 2012 ausgerechnet diese Konstellation zur soziologischen Reflexion der „modernen“ Gesellschaft nutzt, ist jedoch ein Rätsel sui generis. Denn das diskrete und wohltemperierte Morden und Aufklären des Golden Age war ja ein sehr durchschaubar-brüchiger und teilweise schon fast lächerlicher Versuch, nach dem Gewalt-Exzess des Ersten Weltkriegs (der „Ursünde“ der Moderne) tatsächlich so etwas wie einen Zustand der Normalität herbeizuimaginieren, in dem man dann die „Anomalie“, das Skandalon des einzelnen Mordes sinnhaft gestalten konnte. Wider die höchst unerfreuliche Tatsache, dass das professionelle Geschäft des Töten längst industrialisiert und optimiert es auf zig Millionen weniger gemütlich abgemurkster Toter gebracht hatte

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