Liebe Leserinnen und Leser,

zu Halloween ziehen Kinder von Haus zu Haus und rufen: „Süßes oder Saures“. Unter dem Weihnachtsbaum liegt eine DVD, auf der Santa Claus mit der Kettensäge in Einzelteile zerlegt wird. Im Januar füllen sich die Kaufhäuser mit Draculazähnen, Zombiemasken mit Trinkeinlass oder abgetrennten Händen, die auf der Karnevalssitzung als Tischdekoration dienen. Horror ist in. Wir gruseln uns gerne. Die Januarausgabe der Polar Gazette widmet sich ganz der Gänsehaut und dem kalten Schweiß, der so urplötzlich auftreten kann, dass einem die Haare zu Berge stehen.

     Ist nicht der tiefere Kern allen Mordens die Gewalt und der Tod, fragt sich Thomas Wörtche in seiner Kolumne. Von der ironisch gesplatterten Überzeichnung bis hin zu Tötungsszenarien modernster Gewaltorgien reicht sein Blick in Blut, mehr Blut, viel mehr Blut… Warum gerade die Japaner in diesem Genre so stark sind, beschreibt Carsten Germis in Die Geburt der japanischen Horrorgeschichte im heißen Sommer. Dem Meister des Horrors aus der Nachbarschaft widmet sich Michaela Hövermann: Stephen King und seinem Universum aus Wahn und Übersinnlichem, und vergleicht ihn mit Franz Kafka in Der Alltag des Horrors. In Alles erlaubt wird wiederum die Grenze ausgelotet, die uns davon abhält, an einer x-beliebigen Tür zu klingeln und zu unserem eigenen Genuss die Menschheit abzuschlachten. Lesen wir nur deshalb, um uns in den Griff zu bekommen? Zoe Becks Story Rapunzel beschreibt die Auswüchse der Blutrache in Nordalbanien und stellt insgeheim die Frage nach dem familiären Horror, der uns wie selbstverständlich vererbt wurde, ohne dass wir ihm zu entkommen wagen. Oder etwa doch?

     Das Gute am Horror ist, dass man die Augen verschließen, sich die Ohren zuhalten kann, jemanden unterbrechen darf, weil man das nun wirklich überhaupt nicht hören oder sehen will, den Fernseher abschalten, aus dem Kino stürzen kann. Für unsere hausgemachten Alpträume gibt es schließlich Psychiater. Insgeheim müssen wir uns doch ruhig eingestehen, wie aufregend es ist, uns zu erschrecken, aus der Bahn zu werfen, uns einzugestehen, dass trotz aller Sicherheit im Leben alles an einem seidenen Faden hängt.

     Das macht uns zu Voyeuren, zu Überlebenden jeden Schreckens. Das Grauen wohnt immerhin nur zwei Straßen weiter.

Liebe Grüße
Ihre
Polar Gazette