Politisches Gift

von Jörg Walendy

Yasser Arafat ermordet? Polonium, ein heimtückisches und zugleich radioaktives Gift, das sich von innen durch den Körper frisst. So lauten seit Anfang November die Schlagzeilen.

     Ein grausames Ende, fast so schillernd wie die politische Biographie des Opfers. Terrorist, Friedensnobelpreisträger, einende Figur für ein heute tief gespaltenes Palästina und fleischgewordener Ausdruck einer ganzen Generation zumindest zwiespältiger Politiker in Nah- und Mittelost. Sollte es eine gezielte Ermordung gewesen sein, für die im Umgang mit Verschwörungstheorien hoch erfahrenen Bewohner des Nahen Osten wäre es keine Überraschung. Hinter jeder Explosion lassen sich Islamisten, der Mossad, der Iran, eine amerikanische Drohne, Alewiten, Drusen, Sunniten oder immer auch der jeweilige Gegner vermuten. Gerne in wechselnden Koalitionen. Alles ist denkbar. Und radioaktives Material als Waffe? Das klingt genauso nach dem iranischen Nuklearprogramm, wie nach dem israelischen oder Altbeständen aus sowjetischer Produktion. Arafats Tod jedenfalls bietet zahlreiche narrative Andockstationen.  Da kann man fast vergessen, dass ihm in der Vergangenheit schon eine gezielte Vergiftung mit HIV-Viren nachgeschrieben wurde. Als Tatwaffe kaum weniger spektakulär und zudem mit einem kulturellen Tabu belegt.

     Warum also nicht drauflos schreiben und munter spekulieren? Einfach so. Es ist doch alles vorhanden für einen Kriminalroman mit historischen Bezügen, der selbst nach Deutschland seine Brücken schlägt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg soll Arafat mit Mohammed Amin Al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, Kontakt gehabt haben. Der ist schon 1941 in Berlin hofiert worden und hat an der Aufstellung  muslimischer SS-Verbände auf dem Balkan wenigstens mitgewirkt, skizzenhaft von Joe Sacco in seinen Graphic Novels „Gorazde“ und „Footnotes from Gaza“ in Erinnerung gerufen. Hat der junge Arafat hier etwas erfahren, was ihn Jahrzehnte später einholen sollte? Noch auf dem Krankenlager im Militärkrankenhaus Percy? Historisch völlig an den Haaren herbeigezogen, aber ein theoretischer Plot, der das Motiv für einen Mord tief in der dunklen deutschen Vergangenheit versteckt und viele falsche Spuren legt. Das Ganze kann ja als Ermittlung aufgrund aktueller innenpolitischer Querelen beginnen.

     Oder ein zweites Beispiel. Der legendäre Auftritt Arafats vor den Vereinten Nationen. In Kampfanzug, mit Kufiya und Pistolenholster am 13. November 1974. Erst ein Jahr zuvor ist die Bundesrepublik (zeitgleich mit der DDR) 133. bzw. 134. Mitgliedstaat der Völkergemeinschaft geworden. Kann man daraus nicht etwas konstruieren? Bezüge zu unserer Politik – und seien sie noch so absonderlich – gibt es zu Genüge. 1995 wurde Arafat ja sogar der Deutsche Medienpreis verliehen. Und existieren nicht im Internet Auszüge aus einem (angeblichen) Bericht des Bundesnachrichtendienstes über die endemische Korruption zu Arafats Zeiten als „großer Vorsitzender“ in der Muqata`a?

   weiterlesen