Zwischen Wahrheit und Mythos

von Michaela Hövermann

Über 40 Jahre liegt die Erstveröffentlichung von Frederick Forsyths Roman „Der Schakal“  zurück. Geschrieben in nur 35 Tagen sollte der rasante, realistische Thriller das Genre für immer verändern. Zuvor hatte noch kein Schriftsteller Realität und Fiktion derart geschickt vermischt, dass man sich fühlt wie in einem atemlosen, fast dokumentarisch anmutenden Real-Life-Szenario, in dem es um Leben und Tod geht. „Der Schakal“ dreht sich um ein missglücktes Attentat auf den französischen Präsidenten Charles de Gaulle im Jahre 1963.

     Im Gegensatz dazu spielt der 2010 auf Deutsch veröffentlichte Roman „Zweifel“ von Leif G. W. Persson in der Jetztzeit. Allerdings befasst sich der Autor in fiktionalisierter Form mit den möglichen politischen Hintergründen eines inzwischen knapp 30 Jahre zurückliegenden Verbrechens: der Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Sven Olof Joachim Palme. Dieser bis heute nicht aufgeklärte Fall brachte idealisierte Vorstellungen des Vorzeigelandes Schweden ins Wanken und förderte gravierende Probleme in der Gesellschaft zutage.

     Beide Autoren widmen sich politisch-brisanten Inhalten, gehen das Sujet jedoch ganz unterschiedlich an:

     Raffiniert verknüpfen sich bei Forsyth Fakten und Fiktionen zu einem soghaften Gemisch, das beim Lesen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Dabei liegen Pläne und Ausgang des Romans von Anfang an offen: Man begleitet Schakal und Polizei gleichermaßen, angefangen von der Planung des Attentats bis zum Finale zwischen Killer und Cop. Man weiß beim Aufschlagen des Buches: Der Schakal wird scheitern. Denn bekanntermaßen starb Charles de Gaulle erst 1970 infolge eines Herzschlags. Der Spannung tut das jedoch keinen Abbruch.

     In „Zweifel“ rollt Persson mit der Ermordung Olof Palmes einen verzwickten, bis heute ungeklärten Fall unter neuen Gesichtspunkten auf. Wie ein Detektiv begibt er sich auf Spurensuche. Seine Überlegungen, die er mit fiktiven Elementen veranschaulicht, rücken das öffentliche Bild des schwedischen Ministerpräsidenten in ein anderes Licht und führen das verübte Attentat auf Palmes geheimdienstliche Zusammenarbeit mit den USA und der NATO zurück.

     Während Forsyth nach allen Regeln der Kunst einen vielschichtigen Thriller konstruiert,  setzt Persson auf eine minutiöse Darstellung realistischer Polizeiarbeit und lässt seine Protagonisten vor allem eins tun: Akten wälzen, um den echten Fall unter neuen Gesichtspunkten frisch unter die Lupe zu nehmen.

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