Nur leider saß ich wie gesagt im falschen Hotel. Zur richtigen Zeit, aber Ellroy und seine Pressesprecherin wunderten sich im Excelsior in Köln, dass nur das halbe Team vor Ort war und nicht derjenige, der „Blood’s a Rover“ rezensiert hatte. Ich saß im Hyatt Regency. Eine halbe Stunde zu früh. In freudiger Erwartung auf Antworten darauf, wie Ellroy es schafft, nicht nur die eigene Biografie zum rasenden Irrsinn zu nutzen, sich vielmehr auch die politischen Ereignisse jener Tage anzueignen. 2013 jährt sich das Attentat auf Kennedy zum 50sten Mal. Grund genug, für neue Filme, Dokus. Ein paar Storys und Biografien werden weltweit wohl auch abgefallen sein. Die Umstände des Attentats gehören zu den Top 10 der Sujets an politischen Ereignissen, die immer und immer wieder beschrieben werden. Vielleicht nach dem Mord an Julius Cäsar der schillerndste öffentliche Mord überhaupt.

     War Lee Harvey Oswald, geboren 1939 in New Orleans, wirklich der Attentäter? Eigentlich wollen wir das doch gar nicht wissen. Wie peinlich, wenn es dann nur ein Mafiagangster war, ein politisch Enttäuschter, ein gestrandeter Kubaner, vielleicht steckte hinter allem Edgar J. Hoover? Sind bei einem Rätsel alle Fragen beantwortet, verblasst es.

     Ein gefundenes Fressen für einen Verschwörungstheoretiker wie James Ellroy, der den bestialischen Mord an seiner Mutter als Verschwörung gegen sein Leben auffasst und sich in seinen Romanen der Tat immer wieder angenähert hat. Auch Kennedy bietet die perfekte Voraussetzung für ein Spiel um Realität und Fiktion. Die Karten können immer wieder neu gemischt werden. Hier die offensichtlichen Fakten: Das Gewehr, der 8mm-Farbfilm, da die Spekulationen über Howard Hughes, über Bobby Kennedy, über den kleinen versauten Verräter an der Ecke. Was für ein intimes Verhältnis zur Wahrheit öffnet sich da. Auch Don DeLillo schrieb einen Roman darüber. „Sieben Sekunden“. Die Chance, dem amerikanischen Camelot und seinen tragischen Figuren weitere shakespearehafte Züge hinzuzufügen, reizt Autoren. Unter tausenden Erklärungen eine eigene erfinden. Was für eine Aufgabe. Auch eine Frage, die ich mir zurechtgelegt hatte, um sie James Ellroy zu stellen.

     Der Autor von „L.A. Confidential“ drückte mir aber nicht zur Begrüßung die Hand. Seine Pressesprecherin wies mich nicht an, mich zu setzen. Und während ich so im Foyer des Hyatt saß und auf ihn wartete, wurde mir allmählich klar, dass etwas nicht stimmte. Ich war bereits zehn Minuten über die Zeit und brachte das Hotel in Aufruhr, weil ich offensichtlich übersehen worden war. James Ellroy längst in einem der Sitzungssäle oder einem anderen zur Verfügung stehenden Raum auf mich wartete. Während ich im Kopf noch einmal alle Fragen durchging.

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